Das Kreuz

Nein, dies ist kein theologischer Artikel. Es geht noch immer um Wein, wobei ein Artikel über »das Kreuz« und die damit verbundene Erlösung der Menschheit sicherlich von größerer Relevanz wäre. Aber immerhin verheißt Jesus während dem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern im Markusevangelium Kapitel 14, Vers 25:

»Ich sage euch: Ich werde nicht mehr vom Saft der Reben trinken bis zu dem Tag, an dem ich den neuen Wein trinken werde im Reich Gottes.«

Nach der Neuen Genfer Übersetzung vielleicht »neuer Süßer«. Wörtlich übersetzt bedeutet es eher, dass er ihn von Neuem trinken wird. Wie auch immer, auf diesen Wein freue ich mich schon jetzt, wenn auch noch viel mehr auf die ewige Gemeinschaft mit dem Gastgeber dieser Hochzeitsfeier, wie die Bibel die Vereinigung von Gläubigen und ihrem Erretter auch umschreibt, Jesus Christus! Aber warum dann nun diese Überschrift? Ganz einfach, weil der Wein so heißt…

Chardonnay gibt es in vielen Facetten auf diesem Erdball, aber seinen Ursprung hat er in Frankreich, im Burgund. Von dort aus trat dieses Rebsorten-Chamäleon seine Reise in die weite Weinwelt an. Vielen ist Chardonnay von der »Côte d’Or«, besonders von der »Côte de Beaune« mit den berühmten Schlagworten wie Chassagne-Montrachet, Puligny-Montrachet oder z.B. Meursault ein Begriff. »Pouilly-Fuissé« sorgt bei vielen schon für Verwirrung mit der Appellation »Pouilly-Fumé« von der Loire, wo vornehmlich Sauvignon Blanc angebaut wird (und auch der trat eine weltweite Reise an) und kein Chardonnay.

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Pouilly-Fuissé findet ihr ganz unten rechts auf der Karte, links neben der Stadt Mâcon. © http://www.bourgogne-wines.com

»Pouilly-Fuissé« liegt im südlichen Teil des »Mâconnais«, nahe der Grenze zum »Beaujolais«, wo die rote Rebsorte »Gamay« die Hauptrolle spielt. Hier – in »Pouilly-Fuissé« – ist es etwas wärmer als im nördlichen Burgund und auch die Böden können sich teilweise sehr unterscheiden. So fallen hier auch die meisten Chardonnays deutlich „fetter“ bzw. körperreicher aus als im Norden. Dies merkt man nicht zuletzt auch an den hohen Alkoholgehalten, die viele dieser Weine aufweisen.

Eine echte Referenz in Pouilly-Fuissé ist die »Domaine Robert-Denogent«, die aktuell ca. 10 ha Weinberge bewirtschaftet und im Ort Fuissé ansässig ist. Robert und seine Söhne Nicolas und Antoine bauen ihre Weinlagen bewusst als Einzellagen-Weine aus. Dies tun sie aus Überzeugung und aufgrund der Vielfalt ihrer Böden. Sie verfügen über einige der besten Parzellen in der Appellation (insgesamt 30), sowie über sehr alte Reben. Es wird fast ausschließlich Chardonnay an- und ausgebaut.

»La Croix«, Domaine Robert-Denogent, Pouilly-Fuissé, 2015, 14%, ca. 30€

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So stammt der »La Croix« von ca. 50 Jahre alten Reben (»vieilles vignes«) aus 4 verschiedenen Parzellen bei der Stadt Fuissé. Die Böden hier sind ganz anders als im nördlichen Burgund und auch im übrigen Pouilly-Fuissé. Es sind keine kalkhaltigen, sondern eisenhaltige, schieferreiche, vulkanischen Böden.

2015 war auch hier ein wärmes Jahr, deshalb bringt dieser deutlich goldgelbe Wein auch 14 Volt Gewicht auf die Waage. Dabei ist die Nase überraschend klar und der Alkohol sehr gut eingebunden! Sie erinnert mich witziger Weise sofort an Kreide, Salz, weiße Frucht, frische Butter und zweitweise auch etwas an Karamell (vielleicht vom Holz).

Der Wein ist sehr geradlinig, nicht nur in der Nase, sondern auch am und im Gaumen: Kräftig und würzig, lang, weißfruchtig sowie auch kreidig wirkend.

Was mich persönlich so am »La Croix« fasziniert hat, ist sein voluminöser Körper, der sich aber durch die wunderbare Säurestruktur des Weines im Mund verschlankt und sich dadurch sehr klar und präzise durch den gesamten Gaumen zieht. Ja, ein breiter Körper, aber trainiert, mit Muskeln sozusagen, um es in Bildsprache zu erklären. Irgendwie cremig ohne fett zu sein, falls das überhaupt Sinn macht. Wer hätte bei so einer schmelzig wirkenden Nase mit einer so tollen frischen Säure, die man bei diesem Jahrgang, in dieser Region, nicht unbedingt erwarten würde, gerechnet.

Der »La Croix« vermittelt Eleganz und Purismus, zugleich aber auch echte Dekadenz. Er baut sich erst so richtig stämmig im langen Abgang auf, wo er leicht salzig und dezent lakritzig ausklingt. Toller Stoff mit viel Potential für die kommenden Jahre! Ein Wein fürs Mundgefühl.

Bei vinatis.de gibt es den »La Croix« aktuell für die unschlagbare Summe von 24,73€ pro Flasche, allerdings nur bis zum 09.10.2018. Daher zuschlagen, solange dieser Stoff noch so „günstig“ ist:

»Robert-Denogent Pouilly-Fuissé La Croix 2015«

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Weltmeisterlicher Gamay

Wer hätte gedacht, dass die Équipe Tricolore Fussball-Weltmeister wird? Félicitations! Ich wünsche ihnen auf jeden Fall, dass sie sich in vier Jahren nicht so kläglich von der WM verabschieden, wie Deutschland es als amtierender Weltmeister in diesem Jahr getan hat. Was den Wein betrifft wird Frankreich sicherlich auch noch in vier Jahren ganz oben mit dabei sein, was dieser fantastische Gamay des Winzers Jean Foillard exemplarisch bezeugt.

Jean Foillard war – unter anderem mit Marcel Lapierre (†) – ein Vorreiter von qualitativ hochwertigen Beaujolais-Weinen im burgundischen Stil. Winzer wie er haben den Crus des Beaujolais mit Anbeginn der 80ger Jahre wieder zu altem Ansehen verholfen und der ganzen Region einen Qualitätsschub verpasst, der bis heute anhält. Warum das so kommen musste, zeigt z.B. die einzigartige Qualität seines Gamays aus der wohl besten Lage des Crus »Morgon«, der »Côte du Py«.

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Weinstöcke in Morgon im Winter, Lage »Côte du Py«. Photo by Jameson Fink

Die Lage »Côte du Py« liegt am Hang des »Mont du Py« mit einer Höhenlage von etwa 350 Metern. Hier stand mal ein aktiver Vulkan. Die Böden in Morgon sind geprägt von manganhaltigem Gestein (manganèse), Granit und Schiefer, was hier zu einem eher kräftigen und lagerfähigen Gamay führt. Mit zunehmender Reife ähneln die meisten Weine dieses Crus mehr und mehr einem Pinot Noir aus dem nördlichen Burgund.

Jean Foillard erzeugt seine Weine nach biologischen Richtlinien, dass heißt er nutzt keine Herbizide oder Pestizide. Ähnlich wie Lapierre verzichtet er weitestgehend auf den Einsatz von Schwefel im Ausbau seiner Weine. Wie im Beaujolais üblich wird die Gärung durch die »macération carbonique« (Kohlensäuremaischung) in Gang gesetzt. Natürlich wird spontan und mit Stilen und Stengeln vergoren. Je nach Jahrgang kommt der »Côte du Py« zwischen 6 bis 9 Monaten in gebrauchte Barriques, die von Top-Domainen aus dem nördlichen Burgund stammen. Die Weine werden nicht geschönt, vor der Abfüllung nur leicht geschwefelt und danach unfiltriert auf die Flasche gezogen. Inzwischen bewirtschaftet Foillard ca. 17ha Weinberge in Morgon und darüber hinaus.

»Morgon: Côte du Py«, Jean Foillard, Beaujolais, 2016, 13%, ca. 25€wines_1577_big

Ins Glas fließt ein farblich ansprechendes Stöffchen mit saftigem Granatrot und einem lila Stich. Leicht durchschaubar, wenn auch unfiltriert.

Nach der ersten „Nase“ ist sofort klar, dass dies ein richtig außergewöhnlicher Wein ist. Ich würde sogar frech behaupten, dass er in der Preiskategorie 20-30 Euro ganz weit oben mitspielt und mehr Komplexität und Trinkfluss ins Glas bringt, als die meisten Weine in dieser Preisklasse. An diesem Wein wird nachvollziehbar, dass Weine aus den Crus »Morgon« oder auch »Moulin à Vent« zu Beginn des 20. Jahrhunderts teurer waren, als die besten Gewächse in manchen Regionen des nördlichen Burgunds.

Der »Côte du Py« schafft das, was nur wenige Weine auf Anhieb schaffen: Er zaubert mir sofort ein breites und zufriedenes Grinsen ins Gesicht. Jeder Weinverrückte weiß, was damit gemeint ist…

Das Bouquet direkt nach dem Öffnen der Flasche – ohne dass der Wein lange vorher „geatmet“ hat – kann man getrost als vibrierend „funky“ bezeichnen: Firecracker, Cherry Coke, etwas Pfeffer, Himbeeren, Hagebutte, etwas Cassis, Eisen, leicht medizinal wirkend, Bleistiftspitze und saftige Kirschen. Später gesellen sich Noten von Unterholz, Muskatnuss, Brombeeren, etwas Pflaumen und diversen Gewürzen dazu.

Wunderschöne weiche Textur am Gaumen, die sich fast so anfühlt, als wenn dieser Gamay in Kaschmir gekleidet ist. Dabei leicht fleischig wirkend. Auch hier mit dieser Firecracker-Note, die sich mit einer saftigen rot- und schwarzfruchtigen Frucht von kleinen Waldbeeren vermählt. Die Frucht öffnet sich erst so richtig hinten am Gaumen in einem langen mineralischen Spiel. Alles natürlich eingebunden in ein wunderbares Säuregerüst. Sollte mindestens 10 Jahre ohne Probleme lagerfähig sein, wenn nicht länger.

Am zweiten Tag offeriert das Bouqeut intensivere Noten von Bleistiftspitze (Grafit), Zündplätzchen (oder auch Schießpulver), Unterholz, schwarzes englisches Weingummi, Zahnbürstenbaumrinde (salvadora persica) und Brombeeren. Wirkt jetzt auch etwas „staubig“ trocken in der Nase.

Vom Geschmack her jetzt leicht lakritzig ausklingend, mit Wild- und Sauerkirschen sowie einer famosen Mineralität, die terroir schmeckbar macht: Grafit auf der Zunge. Wunderbarer „Säurelift“. Unterholz und Gewürze mit süßlich wirkender Frucht in Perfektion verwoben. Sehr mineralisch, sehr elegant, sehr komplex und dicht und gleichzeitig schon jung richtig gut trinkbar.

Was ein genialer Gamay! Suchtgefahr! Ein Kultwein des Beaujolais. Man weiß nicht, was Foillard hätte besser machen können… Ein genialer Begleiter zu kräftigeren Geflügelgerichten sowie auch leichteren Wildgerichten. Geht sicherlich auch wunderbar zu würziger und eher rustikaler vegetarischer Küche.

Bei vinatis.de könnt ihr diesen Wein gleich in drei verschiedenen Flaschenformaten kaufen. Es wäre definitiv keine falsche Entscheidung sich auch größere Formate von diesem grandiosen Stoff zuzulegen. Vive la france! Vive la vin frainçais!

»Jean Foillard Morgon Côte du Py 2016«

»Jean Foillard Morgon Côte du Py 2016 Magnum«

»Jean Foillard Morgon Côte du Py 2016 Doppelmagnum / Jeroboam«

Perlen aus Savoyen für unter 10 Euro

In meinem letzten Artikel habe ich einen eher hochpreisigen savoyener Wein aus einer besonderen Lage in Cevins, der von einem besonderen Boden stammt, nämlich (Glimmer-)Schiefer, vorgestellt. Heute möchte ich euch zwei Weine aus Savoyen vorstellen, die unter 10,-€ die Flasche kosten und dafür richtig viel Freude ins Glas bringen, zumindest war dies bei mir der Fall. Beide stammen von alten Reben (»Vieilles Vignes«). Einer der Weine kommt sogar von einer Genossenschaft. Ich habe mir beide bereits nachbestellt.

Von der »Domaine de Rouzan« habe ich schlichtweg nicht einmal eine Internetseite im Netz gefunden. Was sich herausfinden lässt ist, dass die Domaine 1991 gegründet wurde, in Saint-Baldoph nahe Chambéry ansässig ist, also südlich des Lac du Bourget und Denis Fortin ca. 7ha Weinberge an den Hängen des Mont Granier bewirtschaftet. Klein ist er also, was kein Synonym für gut ist im Weinbau. Denis Fortin will seine Weine handwerklich erzeugen, um authentische Weine zu produzieren, die ihr Terroir widerspiegeln. Bei diesem Wein ist ihm dies gelungen, wie ich finde. Wer noch Weine aus seiner Hand bekommen will, wird nur beim Jahrgang 2016 erfolgreich sein (oder früher), denn die Domaine wurde von Mathieu Apffel übernommen.

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Weinreben in Saint-Baldoph. Im Hintergrund müsste der Mont Granier zu sehen sein.

»Apremont«, Domaine de Rouzan, Vin de Savoie, 2016, 11%, ca. 9€

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Wie alt die Reben für diesen bekannten Cru aus Savoie sind, konnte ich leider nicht herausfinden, aber dieser »Apremont«, erzeugt zu 100% aus der autochthonen Rebsorte Jacquère, ist für mich ein Synonym für „karg“ und „mineralisch“. »Apremont« ist einer von 15 weiteren Crus aus Savoyen, die eine Ortsbezeichnung angeben dürfen. Er reift für ca. 1 Jahr sur lie (auf der Feinhefe).

Dieser »Apremont« hat eine sehr transparente und leichte Farbe. Die Nase ist total karg, puristisch, fast schon irgendwie „nackig“. Tatsächlich erinnert mich der Geruch an zwei aneinander geschlagene Feuersteine, wie ich es noch aus meiner Kindheit kenne. Ließe sich vielleicht auch als abgebranntes Streichholz (jedoch sehr dezent) umschreiben. Aber da ist auch Frucht wahrnehmbar: Agrumes (Zitrusfrüchte) mit unreifer Grapefruit und etwas Zitrone.

Am Gaumen frisch und energetisch, wie so viele Weine aus Savoyen. Mineralisch. Festsetzende Säure und Zitrusaromen am Gaumen. Präzise. Geradlinig. Perfekt für Käsefondue, Käseplatten, Raclette und auch Meeresfrüchte, wenn man einen stahligen, kargen und säurebetonten Wein dafür bevorzugt (was ich persönlich tue).

Gamay_VV_2»Gamay Vieilles Vignes«, Cave de Chautagne, Vin de Savoie, 2016, 12,5%, ca. 9€

Ich lebe im südlichen Baden. Hier gibt es die ein oder andere Genossenschaft. Das heißt einen Verband von mehreren Weinbauern, die ihr Traubengut an eine Kooperative liefern, die dann wiederum den Wein daraus erzeugt. Oft krankt es – unter anderem – an zu hohen Erträgen und der Qualität des Ausgangsmaterials (den Trauben), was meist zu völlig charakterlosen Weinen führt, die – so leid es mir tut – eigentlich niemand wirklich braucht. Daher ist meine Einstellung zu Genossenschaften in den seltensten Fällen von Wohlwollen geprägt.

Anders verhält es sich mit diesem mehr als überzeugenden Gamay von alten Reben der Kooperative »Cave de Chautagne« aus Ruffieux mit ihren ca. 135ha Weinbergen von 50 zulieferndern Weinbauern. Das ist wirklich richtig viel Spaß im Glas für knapp 8€ nochwas! Die Reben für diesen Wein sind ca. 35 bis 40 Jahre alt, wobei es in der Genossenschaft bis zu 70 Jahre alte Gamaystöcke gibt.

Super saftiger Stoff, sehr saubere und duftige Frucht, die eine gewisse Tiefgründigkeit in die Nase transportiert und sofort Spaß macht. So ein bisschen zum Reinspringen. Direkt nach dem Öffnen eine sehr pfeffrige Nase. Erinnert mich auch an Gamay der Côte du Forez (Loire), kommt aber wesentlich duftiger und mit mehr Substanz daher, was wohl auch an den alten Reben und der Höhenlage liegen mag. Erste Assoziationen sind Pfeffer und Kirsch(saft). Später auch etwas Zimt, Nelke und Veilchen.

Am Gaumen saftig und trinkig, fast schon süffig (wenn auch trocken wirkend). Hammer Wein im Sommer leicht gekühlt zum Grillen! Ein außergewöhnliches Preis-Genuss-Verhältnis. Eine Gamay-Perle für 8,86€ (7,53€ ab 3 georderten Flaschen pro Bestellung), die sowohl Weinfreaks als auch Weinnoobs glücklich macht.

Beide Weine zeigen, dass es nicht viel Alkohol braucht, um interessante und ansprechende Weine zu erzeugen. Beide Weine sind für mich passend zu dieser Jahreszeit. Beide Weine könnt ihr bei dem in Savoyen ansässigen Weinhändler vinatis kaufen:

»Domaine de Rouzan Apremont 2016«

»Cave de Chautagne Gamay Vieilles Vignes 2016«

Alpiner Schieferwein

Weintrinken hat für mich mit Neugier zu tun. Nichts Neues auszuprobieren bedeutet für mich, seine Geschmackssinne nicht erweitern zu wollen. Die Freude am Weintrinken besteht zu einem großen Teil darin, die weite Welt des Weines zu erkunden, neue Eindrücke zu sammeln und sich seine eigene „Geschmacksmeinung“ zu bilden. Einen neuen, bisher unbekannten Wein zu öffnen, der einem am Ende im besten Fall gefällt und überrascht, dass ist die Freude eines Weinliebhabers.

Weintrinken hat also mit Erkunden zu tun, auch wenn Leute, die bereits etwas länger in der Welt des Weines unterwegs sind, so wirken, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln getrunken. Natürlich kann man von erfahreneren Verkostern lernen, dies ersetzt allerdings niemals den eigenen Geschmack und die eigene Verantwortung, aus seiner Komfortzone zu treten.

Ein ideales Beispiel für einen Wein, den die meisten meiner Leser sicherlich noch nicht probiert haben, geschweige denn generell einen Wein aus Savoyen im Glas hatten, ist der »Schiste« (»Schiefer«) von der »Domaine des Ardoisières« (»Weingut am Schiefersteinbruch«). Wenn ihr etwas mehr über die kleine Weinbauregion »Savoyen« (franz. »Savoie«) – gelegen südlich vom Genfer See – erfahren wollt, könnt ihr meinen älteren Artikel »Savoyen für Weinhipster« lesen, in dem – unter anderem – auch ein Wein von der Domaine des Ardoisières vorgestellt wurde.

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Le Coteau de Cevins: Lage der Domaine des Ardoisières in Cevins im Winter. Sieht nicht nur steil aus, ist auch steil. © Domaine des Ardoisières

Wie der Name des Weines und des Weingutes schon andeuten, stammt der »Schiste« von Schieferlagen (schwarzer Schiefer und Glimmerschiefer), genauer gesagt Steillagen mit bis zu 60-70% Neigung. Schweißtreibende Handarbeit ist hier gefordert. Geringe Erträge zwischen 15 bis max. 40 hl/ha ergeben sich hier fast von selbst. Beim »Schiste« sind es 30hl/ha. Wer erahnen kann, was den Mitarbeitern der Domaine hier abverlangt wird, der findet den Preis von ca. 30€ für diese Cuvée zwar ordentlich, aber angemessen bepreist.

igp-vin-des-allobroges-schiste-2016-domaine-des-ardoisieres»Schiste«, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges, 2016, 12%, ca. 30€

Die Reben werden – ähnlich wie an vielen Hanglangen der Mosel oder der Côte-Rôtie – an einem Pfahl/Stock erzogen. Die Domaine arbeitet biodynamisch (der 4. biodynamische Erzeuger in Folge in diesem Blog), vergärt spontan und lässt den »Schiste« für 12 Monate in hauptsächlich gebrauchten Barriques reifen. Er besteht zu 40% aus der autochthonen und in Savoyen weit verbreiteten Rebsorte Jacquère, 30% Roussanne, die man auch an der Rhône antrifft, 20% Malvoisie und 10% der autochthonen Mondeuse Blanche, dem weißen Gegenpart der Mondeuse.

Die Domaine des Ardoisières wurde 1998 ins Leben gerufen, um diesen über Jahrhunderte bekannten Hang in Cevins wiederzubeleben, von dem unter anderem der »Schiste« stammt. Wein wurde hier bereits gepflanzt bevor die Römer kamen.

Farblich deutlich kräftiger als der Einstiegswein der Domaine, der »Argile Blanc«, eher in ein goldeneres Strohgelb gehend.

Das Bouquet ist äußerst subtil. Ich habe mich sofort gefragt, wie sich dieser Wein in den nächsten 10-15 Jahren entwickeln wird. Man hat hier weiße Blüten, frische Butter, etwas Orangenzeste, etwas grünlich wirkende Birne und am zweiten Tag auch etwas Honig/Met und eine gewisse Kalkigkeit. Die alpine Frische ist schon in der Nase spürbar. Ähnlich wie der »Argile Blanc« ist der »Schiste« keine Fruchtbombe in der Nase, sondern eher leise.

Im Trunk wie zu erwarten frisch, präzise, klar, aber mit enorm komprimierter Substanz, die sich einen wieder fragen lässt, wie sich dieser Wein in 10-15 Jahren zeigen wird. Der »Schiste« wirkt ordentlich druckvoll am Gaumen, wirkt zuerst cremig und wird dennoch sofort von dieser präzise und frisch wirkenden Säure überrannt. Der Wein bleibt lange am Gaumen mit einer Mischung aus agrumes (Zitrusfrüchten) und einer angenehm leichten Bitternote, die allerdings nichts mit Unreife zu tun hat. Sehr gut ausbalanciert und frisch.

Was gab es dazu zu Essen? Flußkrebse auf einer Erbsenpaste und Baguette (siehe Instagram).

Ein Wein für Leute die hinhören und hinschmecken wollen. Kein Metallkonzert, sondern eher eine zarte Sinfonie mit Tiefgang. Bei vinatis könnt ihr den Wein kaufen:

»Domaine des Ardoisières Schiste 2016«

Den preiswerteren »Argile Blanc« gibt es hier:

»Domaine des Ardoisières Argile Blanc 2016«

Verführerischer Gevrey-Chambertin

Meine eigentliche Liebe gehört dem »Spanna«, wie ein Klon der Nebbiolo-Traube im Nordpiemont (»Alto Piemonte«) auch genannt wird, und dem »Pinot Noir«. Weder einen Nebbiolo, noch einen Pinot Noir habe ich hier seit längerer Zeit vorgestellt. Umso mehr freut es mich, heute mal wieder über einen Pinot aus dem Burgund zu schreiben, und zwar einen »Gevrey-Chambertin«.

Die Lagenbezeichnung in Burgund orientiert sich an den umliegenden Städten, in diesem Fall der Stadt Gevrey-Chambertin, die etwa 14km südlich von Dijon – mitten im Filetstück der »Côte de Nuits« – liegt. Hier werden einige der teuersten und angesehensten Pinot Noirs der Welt gekeltert. Wer sich etwas in Burgund auskennt, weiß, dass hier die meisten Grand-Cru-Lagen zu finden sind (9 verschiedene). Aber auch die Village-Weine aus Gevrey-Chambertin sind bekannt dafür in einer hohen Liga zu spielen. Nicht umsonst spricht man bei einem Gevrey-Chambertin auch vom König der Burgunder. Napoleon Bonaparte (1769-1821) trank ihn vermutlich regelmäßig, auch wenn er sich daraus eine Schorle machte, d.h. ihn mit Wasser verdünnte. Unvorstellbar für einen heutigen Weinliebhaber.

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Bodenbearbeitung mit Pferden auf der Domaine de la Vougeraie. Pferde verdichten den Boden nicht so stark wie Maschinen, was zu einer besseren Drainage führt. © Domaine de la Vougeraie

Der Wein, den ich heute vorstelle, stammt von keiner dieser berühmten Grand-Cru-Lagen, noch ist er ein 1er Cru, sondern „lediglich“ ein Ortswein – ein »Gevrey-Chambertin« (darunter kommt von der Klassifizierung her quasi nur noch der »Bourgogne Rouge«). Aber er verdient es hier erwähnt zu werden.

Er stammt von der »Domaine de la Vougeraie«, die unter diesem Namen im Prinzip eigentlich erst seit 1999 existiert. Dort werden sage und schreibe 42ha, die auf 74 verschiedene Lagen in Burgund verteilt sind, biodynamisch (somit der 3. biodynamische Erzeuger in Folge in diesem Blog) bewirtschaftet, was für das Burgund schon eine enorme Größe ist. Die Tradition reicht jedoch etwas weiter in die Vergangenheit zurück, genauer gesagt auf das Jahr 1964, da die Domaine der Familie Boisset gehört, die 1999 lediglich Lagen aus der Familie zusammenführte, sowie zusätzlich erworbene Lagen von zugekauften Weingütern (Claudine Deschamps, Pierre Ponnelle, Louis Voilland und L’Héritier-Guyot) unter der neuen Domaine zusammenfasste, um eine hochwertige „Super-Domaine“ – quasi aus dem Nichts – zu kreieren.

Der aus dem Burgund stammenden Familie gehören inzwischen weltweit 27 verschiedene Weingüter in Frankreich, Kalifornien, Kanada und England. Sehr beachtlich wenn man bedenkt, dass das Unternehmen erst 1961 ohne ein einziges Weingut gestartet ist. Mit einem Jahresumsatz von ca. 200 Millionen Euro ist das Familienunternehmen nicht unbedingt die kleine alteingesessene Domaine, wie man sie sehr häufig in Burgund antrifft, sondern das genaue Gegenteil. Es ist so gesehen der größte Player im Burgund. Da fällt es kaum noch ins Gewicht zu erwähnen, dass Jean-Claude Boisset (heutiger Geschäftsführer des Unternehmens) mit Gina Gallo, Tochter von Bob Gallo und Urenkelin des Mitgründers der amerikanischen Weinfirma Gallo Family Vineyards – dem weltgrößten Weinproduzenten in Familienbesitz – verheiratet ist.

Für romantisierende und schwärmerische Weintrinker hört sich das alles zusammen ziemlich unromantisch an, der Wein war trotzdem nicht schlecht.

»Gevrey-Chambertin«, Domaine de la Vougeraie, Burgund, 13%, ca. 50€

Auf der Homepage der Domaine wird detailliert angegeben, von welchen Parzellen die Trauben für diesen Village-Wein stammen:

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Die Parzellen und Lagen von denen der Village-Wein der Domaine de la Vougeraie stammt. © Domaine de la Vougeraie

Betrachtet man das Durchschnittsalter der Reben, stellt man fest, dass diese zwischen 1949 und 1980 gepflanzt wurden, also inzwischen 38 bis 69 Jahre alt sind. Sehr alte Reben für einen „einfachen“ Village-Wein, auch wenn auf die Angabe »vieilles vignes« (alte Reben) auf der Flasche verzichtet wurde.

Nur 8904 Flaschen wurden 2015 von diesem Wein erzeugt. Spontan vergoren und 16 Monate in Barriques ausgebaut, davon 30% Neuholz mit mittelkräftiger Toastung, keine Schönung sowie nur eine leichte Filtration vor der Abfüllung. Das Ergebnis ist verführerisch.gevrey-chambertin-2015-domaine-de-la-vougeraie

Farblich ein eher kräftigerer Pinot mit himbeer- und kirschfarbenen Stich. Das erste Reinriechen in den Wein hört sich für den einen oder anderen vielleicht nicht so „verführerisch“ an, war es aber: Erinnernd an reife Kirschen, Cherry Coke und etwas Bazooka Joe, Gewürze. Zart-kräftige Frucht strömt einem in die Nasenflügel.

Das wärmere Jahr 2015 ist dezent spürbar in der Nase. Ganz ganz leicht gekochte Frucht. Der Wein wirkt nicht so typisch burgundisch kühl, wie man es in anderen Jahren vielleicht gewohnt wäre. Am Gaumen samtig und mittelkräftig mit süß-würzigem und finessenreichem Fruchtspiel.

Nach 24 Stunden an der Luft noch würziger in der Nase. Ein tolles Spiel aus Süße und Gewürzen: 5-Spice (Fünf-Gewürze-Pulver), Süßkirsche, auch etwas Zwetchge, metallischer als am ersten Tag, kleine reife zermatschte »framboises« (Himbeeren), wie der Franzose sagen würde und auch etwas Kokos. Sehr spicy, sehr duftig, eine echte Gewürzkiste.

Am Gaumen mit kräftigem Zug. Süßlich wirkend, mit genügend stützender Säure und Saftigkeit. Zupackend und kompakt. Hier feine Vanille, Zimt, Pfeffer, Nelke, Anis, reife Himbeeren und Kirschen. Auch etwas Malz und Lakritz ist wahrnehmbar.

Schon jetzt wunderbar genießbar, wenn auch viel zu jung. Holz und Frucht sind noch nicht in perfekter Harmonie miteinander verwoben, was aber mit der Flaschenreife kommen wird. Dennoch bereits ein sehr offener Burgunder, der schon in seiner Jugend zeigt, warum ich Pinot Noir so liebe und warum Pinots aus dem Burgund zu den schönsten Weinen der Welt gehören.

Leider ist dieser Village 2015 bereits bei vinatis.de vergriffen:

»Domaine de la Vougeraie Gevrey-Chambertin 2015«

Alle Weine der Domaine de la Vougeraie findet ihr hier:

»Domaine de la Vougeraie«

Charakterkopf aus Savennières

Nachdem ich in meinem letzten Artikel schon einen Wein von der Loire vorgestellt habe, knüpfe ich dort wieder an. Es war ein Rotwein, genauer gesagt ein Cabernet Franc – die rote Hauptrebsorte der Loire – aus Saumur-Champigny von Thierry Germain. Den Artikel dazu könnt ihr hier lesen: »Die Einstiegsdroge von Thierry Germain«, auch wenn der Wein bei vinatis aktuell bereits vergriffen ist.

Thierry Germain erzeugt seine Weine biodynamisch. Und so verhält es sich auch mit dem Wein, den ich heute gerne mit euch teilen möchte. Wie bereits im letzten Artikel erwähnt, habe ich persönlich so meine Fragen zum biodynamischen Weinbau, in erster Linie zum Gedankengut von Rudolf Steiner. Um so ironischer, dass der hier vorgestellte Wein von keinem geringeren kommt als dem „Godfather der Biodynamie“ an der Loire, nämlich Nicolas Joly von der Domaine de la Coulée de Serrant (oder Château de la Roche aux Moines) in Savennières, gelegen bei der Stadt Angers. Er wird sicherlich auch Thierry Germain in seinem Weg zur Biodynamik beeinflusst haben.

Der inzwischen 73 jährige Nicolas Joly hat einen interessanten Karriereweg hinter sich. Kurz zusammengefasst lautet dieser in etwa so: Vom Investmentbanker in New York und London zum biodynamischen Weinbauern. Ganz unvorgezeichnet war ihm dieser Weg nicht, zumindest der Weg zum Wein. Denn er stammt aus einer Familie, die seit 1957 im alleinigen Besitz (sozusagen ein Monopol) von einer der drei Einzellagen in Frankreich ist, die eine eigene AOC hat, der 7ha großen Lage »Coulée de Serrant«. Die anderen beiden Einzellagen sind »Romanée Conti« von der weltberühmten Domaine de la Romanée-Conti in Burgund und »Château-Grillet« an der Rhône. 1977 verließ Joly die Bankbranche, um das Familienweingut in Savennières zu übernehmen. Mehr oder wenig zufällig ist er zum biodynamischen Anbau gekommen und bewirtschaftet seit 1984 die gesamte Domaine auf diese Art und Weise. Seit 2006 hat seine Tochter Virginie die Verantwortung für das Weingut übernommen.

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Domaine de la Coulée de Serrant. © by http://www.coulee-de-serrant.com

Ich möchte hier nicht langweilen oder zu Themen wie Biodynamie abschweifen, aber für diejenigen unter meinen Lesern, die sich rein gar nichts unter biodynamischem Weinbau vorstellen können. Dies schreibt die offizielle Seite von Demeter (ältester weltweiter Verband, gegründet 1924) z.B. zu biodynamischen Präparaten:

»So verbessert das Hornkiesel-Präparat die Pflanzenqualität. Dafür wird pulverisiertes Quarz in ein Kuhhorn gefüllt und von Frühjahr bis Herbst im Boden eingegraben, damit es die kosmischen Kräfte speichert. Im Herbst ausgegraben, wird der feine Hornkiesel in Wasser rhythmisch verrührt (dynamisiert) und als Spritzpräparat in feinen Tröpfchen auf den Weinberg verteilt. Ein weiteres markantes Präparat ist der Hornmist, der nachweisbar das Bodenleben fördert. Dafür wird Kuhmist in einem Kuhhorn im Herbst in den Boden eingegraben. Auch diese Präparat-Füllung wird dann dynamisiert und im Frühjahr auf den Weinberg gesprüht.«

Und an anderer Stelle:

»Das Einrühren erfolgt mit geringen Präparatemengen und in bestimmten Rythmen, weshalb die Arbeit mit den Präparaten auch als Homöopathie für den Boden bezeichnet wird.«

Mal ganz zu schweigen davon, dass »Demeter« in der griechischen Mythologie die Muttergöttin der Fruchtbarkeit der Erde ist, wird dem einen oder anderen Leser daraus sicherlich unkommentiert schon ersichtlich, warum sich bei mir das ein oder andere Fragezeichen auftut, wenn ich das Wort „biodynamisch“ höre.

Nicolas Joly war – und ist noch immer – eine wirklich einflussreiche Persönlichkeit was den biodynamischen Weinbau betrifft. Er hat nicht nur Wein gemacht (wobei er sich lieber als »Natur-Assistent« bezeichnet), sondern auch Bücher geschrieben, hält Vorträge, hat einen Verein gegründet (»La Renaissance des Appellations«) und kommt viel rum. Sein Buch »Beseelter Wein« ist auch auf Deutsch erhältlich. Ich muss gestehen, dass ich es noch nicht gelesen habe.

Was ich uneingeschränkt an der biodynamischen Weinbauphilosophie befürworten kann, ist die bewusste Hinwendung zur Natur und der Qualität, die im Weinberg erzeugt wird. Aus schlechtem Ausgangsmaterial etwas weltbewegendes zu erzeugen ist schwierig, bis hin zu unmöglich. Hinzu kommt – so wie im biologischen Weinbau auch – der Verzicht auf Herbizide und Pestizide. Sicherlich wären noch mehr Vorteile zu nennen, aber bevor ich an diesem Punkt noch weiter abschweife, komme ich lieber zum Wein, den ich hier nicht vorstellen würde, wenn er mir nicht auch außergewöhnlich gut gefallen hätte.coulee-de-serrant-les-vieux-clos-2015

»Les Vieux Clos«, Domaine de la Coulée de Serrant, Savennières, 2015, 14%, ca. 30€

Der »Les Vieux Clos« ist Jolys Einstiegswein und dafür relativ stolz mit um die 30,-€ bepreist. Ist er sein Geld wert? Ich denke ja! Ist er etwas für den durchschnittlichen Weintrinker? Eher weniger, denn er ist ein echter Charakterkopf.

Was in Rot der Cabernet Franc ist, ist in Weiß der Chenin Blanc für die Loire. Auf der Domaine wird ausschließlich Wein aus Chenin Blanc erzeugt. Es gibt drei Weine. Alle drei kommen aus unterschiedlichen Appellationen: »Les Vieux Clos« (Savennières), »Clos de la Bergerie« (Savennières Roche aux Moines) und »Coulée de Serrant« (wie schon erwähnt eine eigene AOC in Savennières).

Die Reben des »Les Vieux Clos« wurzeln hautpsächlich auf Schiefer (ähnlich wie z.B. an der Mosel). Hinzu kommt etwas Quarz. Eine interessante Bodenformation für den Weinbau. Stammend von einer 5,5 ha großen Lage unweit von der berühmten Einzellage »Coulée de Serrant«. Der Ertrag ist relativ gering mit 30-35hl/ha. Nur ca. 15.000 Flaschen werden jährlich von diesem Wein erzeugt. Er bringt satte 14 Volt (Alkohol) auf die Waage und hat dabei nur 1,0 Gramm Restzucker, was man bei der ersten Nase nicht unbedingt denken würde.

Ungewöhnlich ist, dass mit Botrytis (eine Edelfäule) befallene Trauben bewusst mit vergoren werden. Beim Les Vieux Clos sind es sogar 15-20%, also fast 1/5 der gesamten Lese. Edelfäule hat in »Anjou« – der Oberappellation von Savennières – eine lange Tradition, da auf diese Art und Weise Süßweine erzeugt wurden und noch immer werden. Der Les Vieux Clos ist jedoch, wie bereits erwähnt, knochentrocken. Selbstverständlich spontan vergoren.

Die Farbe des Weines ist unfassbar goldgelb, ja geradzu Bernsteinfarben, ähnlich wie bei einem Vin Jaune aus dem Jura oder einem sehr reifen Weißwein. Und so erinnert der Wein unkaraffiert auch etwas an Vin Jaune, ohne jedoch wirklich oxidativ zu sein: Grüner Apfel (an guten Champagner erinnernd), nussig, Zitrus, Honig, Wachs, Birne und Salz sind meine ersten Eindrücke. Man merkt sofort, dass man einen außergewöhnlichen Wein im Glas hat, der sehr komplex, tiefgründig und intensiv ist.

Der Weinhändler Heiner Lobenberg führt die Farbe des Weines auf einen Ausbau mit Schalenkontakt (wie bei einem »Orange Wine«, also eine Maischegärung bei Weißwein) zurück. Da er den Wein zumindest im Jahrgang 2014 noch Sortiment führte, gehe ich davon aus, dass es wohl stimmen mag, wobei ich wohl eher vermute, dass die Farbe des Weines auf die sehr reif gelesen Trauben, sowie den hohen Anteil mit Botrytis befallenen Trauben zurückzuführen ist. Beim Schwenken im Glas wirkt er sehr schwer und ölig.

Dieser Charakterkopf von Wein bringt eine laserstrahlartige Säure auf die Zunge, die sich unglaublich lange und präzise durch den gesamten Mund zieht. Tolle Textur im Mund aufgrund seiner öligen Schwere gepaart mit dieser grandiosen Säure. Der Abgang ist salzig, wachsig, reif, etwas brandig und bleibt minutenlang präsent.

Der Weinhändler vinats, Nicolas Joly und andere empfehlen diesen Wein mehrere Stunden vor Genuss zu karaffieren (bis zu 24 Std. vorher). Dies habe ich natürlich auch getan, um zu schauen, wie sich dieser Wein entwickeln würde. Um ehrlich zu sein wirkte er jedoch nach 24 Std. in der Karaffe etwas eindimensionaler und verschlossener auf mich als nach 1-2 Std. an der Luft. Und länger als 3 Tage hat er bei mir leider auch nicht überleben können. Er war zu schnell ausgetrunken.

Am zweiten Tag erinnert er mich jedoch deutlicher an Karamell, Nüsse, Apfel, Curry und sogar an Senf. Alles mit diesem unglaublichen „lift“ in der Nase, der sich schwer in Worte fassen lässt. Hinzu kommen auch Noten von frischem Teig, Brotkruste und andere getrocknete Früchte (wie Rosinen). Klingt würzig auf Anis, Lakritz und Frucht aus. Bleibt unglaublich lange am Gaumen.

Bitte den Wein nicht zu kalt trinken, eher wie einen leichten Rotwein. In großen Gläsern servieren. Ich hatte ihn im Zalto Burgunder Glas, was passend war. Kein Wein für jeden Tag. Ungewöhnlich. Nicht für jedermann. Sollte man dennoch irgendwann mal getrunken haben. Als Weinnerd fragt man sich wie lange dieser Wein wohl reifen kann. Wie schmeckt das in 10-20 Jahren? Kaufen könnt ihr dieses Unikat von Wein z.B. bei vinatis:

»Domaine de la Coulée de Serrant Les Vieux Clos 2015«

Für alle Interessierten und der englischen Sprache mächtigen anbei noch ein kurzes, aber informatives Video über Nicolas Joly von Vice:

Die Einstiegsdroge von Thierry Germain

Ich habe etwas länger als gewöhnlich überlegt, wie ich diesen kleinen Artikel beginnen soll, aber ich kann irgendwie nicht anders, als so anzufangen: Weine wie dem »Les Roches« von der »Domaine des Roches Neuves« begegne ich sehr selten. Das letzte Mal, dass mich ein Wein in der Preiskategorie um 10,-€ so ins Staunen versetzt hat, ist schon etwas her. Dieser »Saumur-Champigny« ist ein echter Weinwert im Vergleich zu seinem Preis. Oder um es mit anderen Worten zu formulieren: Er ist eine echte Bank!

F1382_2016NM_cAuch wenn ich zugeben muss, dass ich mich an der Loire nicht sehr gut auskenne, vermute ich, dass Germains »Les Roches« mit einer der denkbar besten Einstiegsweine in die Welt des Cabernet Franc von der Loire sein könnte.

»Les Roches«, Domaine des Roches Neuves, Saumur-Champigny, 2016, 12,5%, ca. 13€

2016 war kein einfaches Jahr an der Loire (Frostschäden), so dass Germain sich gezwungen sah für diesen Jahrgang sogar Trauben zuzukaufen. Aber man sagt ja so schön, dass Winzer, die ihr Handwerk beherrschen, auch in schwierigen Jahren herausragende Weine produzieren können. Thierry Germain scheint sein Handwerk zu beherrschen und dazu noch sehr sehr gut mit Cabernet Franc umgehen zu können. Dies beweist schon sein „einfachster“ Wein, der allerdings alles andere als einfach ist.

Germain stammt eigentlich aus dem Bordelais und kam erst Anfang der 90er Jahre an die Loire. Nach und nach folgte ihm auch seine Familie. Seit 2000 arbeitet er biodynamisch, d.h. unter anderem basierend auf der anthroposophischen Philosophie Rudolf Steiners (1861-1925). Er selbst sagt, dass die Umstellung auf biodynamischen Weinbau erst ab 2008 wirklich „Früchte“ getragen hat.

Ich persönlich habe ja so meine Probleme mit der esoterischen Philosophie, die hinter dem Gedankengut von Rudolf Steiner steht, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass ein zuvor konventionell behandelter Weinberg einige Jahre Zeit benötigt, bis sich der Boden und das gesamte Ökosystem von der chemischen Keule erholt hat. Ob biodynamisch oder „nur“ biologisch arbeitend, dies wird Auswirkungen auf die entstehenden Trauben im Weinberg haben, und aus diesen wird ja dann schließlich der Wein gemacht.

Wie auch immer man über Biodynamie denkt, der Wein schmeckt verdammt gut. Das wird allerdings auch daran liegen, dass Thierry sein Handwerk als Winzer beherrscht. Denn ein schlechter Winzer macht auch aus guten und gesunden Trauben mit Sicherheit keinen herausragenden Wein. Vielleicht kann man das auch so umschreiben: Ein teurer Grand Cru aus Burgund wird kein herausragender Wein sein, wenn der Winzer im Weinberg und im Keller nicht gut reagiert und begleitet. Einfach nur eine Grand-Cru-Lage zu besitzen, bedeutet noch nicht, dass der Wein, der am Ende auf die Flasche gezogen wird, auch ein echter Grand Cru sein wird.

Roches-Neuves
Thierry Germain und Pferd. Pferde werden auf der Domaine fast ausschließlich für die Bodenbearbeitung eingesetzt. © by Facebook Domaine des Roches Neuves.

Aber wie schmeckt er denn nun? Auffallend für mich war vor allem die Textur, die der Wein auf die Zunge und an den Gaumen bringt: Er ist eher leicht, aber mit genügend Rückgrat, einer weichen, fast schon cremigen Textur und verfügt gleichzeitig über eine angenehme Säurestruktur, die dem Wein einen gewissen Lift verpasst. Das ist sehr trinkanimierender Stoff, der vielseitig kulinarisch einsetzbar ist (passt sehr gut zur gerade beginnenden Grillsaison). Er hat nur 12,5% Umdrehungen und ist dennoch – trotz seiner Leichtigkeit – niemals banal oder langweilig. Finessenreich, frisch und dennoch mit Geschmackstiefe beschreibt es sicherlich gut.

Aus dem ersten Glas, direkt nach dem Öffnen der Flasche, steigen Noten von Pfeffer und Paprika auf (die niemals störend und laut, sondern bereichernd ist), begleitet von Frucht (schwarz und rotfruchtig). Könnte auch etwas an die Nordrhône und schwarze Oliven erinnern, denn bei den ersten Schlücken wird auch verbranntes Fleisch schmeckbar. Nach ein paar Minuten wird der Wein etwas „weicher“ in der Nase und offeriert feuchte, nasse Erde.

Ich hatte ihn zuerst im Gabriel Glas, bin dann aber umgeschwenkt auf das Zalto Bordeaux Glas, was ihm noch besser gestanden hat. Vielleicht sollte man es sogar mal in einem noch bauchigeren Glas wie einem Burgunderglas probieren.

Am zweiten Tag deutliche Noten von Brombeeren, Cassis, Hagebutte, Veilchen, schwarzem Pfeffer und Kräutern. Dazu kommt aber auch etwas Schießpulver (China Böller), was mir persönlich sehr gut gefällt. Die erdigen Noten sind jetzt noch präsenter und erinnern mich tatsächlich zeitweise auch etwas an feuchte, mit schwarzer Erde überzogene, Kartoffeln.

Er klingt leicht herb, kräuterig und schwarzfruchtig im Gaumen aus. Da ist auch etwas Lakritz wahrnehmbar. Klasse Wein! Tolle Visitenkarte von Thierry Germain, die Lust auf die ganze Palette macht.

Ich habe bereits – was sehr selten der Fall ist – nachbestellt. Ich konnte nicht anders. Zumal es bei vinatis.de diesen Wein für unschlagbare 12,43€ die Flasche gibt. Ich habe nicht bewusst danach gegoogelt, aber sonst sieht man diesen Wein meist für um die 18,-€ in deutschen Weinläden. Wenn man den Preisunterschied bei der Bestellung von 6 Flaschen, was man bei diesem Wein getrost machen sollte, einberechnet, fallen auch die anfallenden Versandkosten von knapp 6,-€ kaum noch ins Gewicht. Wer diesen Wein nicht selbst probiert, ist selber schuld.

»Domaine des Roches Neuves Les Roches 2016«

Die ganze Palette seiner Weine findet ihr hier:

»Domaine des Roches Neuves«