Der Pirat von Bordeaux

Die meisten Menschen, die beginnen sich mit dem Thema Wein auseinanderzusetzen oder auch schon etwas länger damit beschäftigt sind, sagen, dass das »Burgund« kompliziert sei. Ich kann dies nachvollziehen, da das Burgund sehr viele kleine Winzerbetriebe beherbergt und so sehr fragmentiert zu sein scheint. Dennoch finde ich, dass man einen gewissen Überblick über das Burgund gewinnen kann, ohne völlig überfordert zu werden. Anders geht es mir persönlich mit »Bordeaux«, dessen Weine so wunderbar in die Winter- und Weihnachtszeit passen, und die nicht umsonst eine weltbekannte und Vorbild gebende Region für die gesamte Weinwelt ist.

Ich wundere mich immer wieder darüber, dass in diesem Zusammenhang (in Bezug auf die Komplexität der Weinregion) der Name Bordeaux so selten fällt, mal unabhängig von der völlig verschiedenen Stilistik der Weine, verschiedenartigen Rebsorten und den ganz anderen Klimata und Böden. Bordeaux überfordert mich immer wieder, auch wenn das Appellationssystem, verglichen mit Burgund, auf den ersten Blick einfacher zu sein scheint.

Dies mag wohl auch an der schieren Größe des Weinanbaugebietes liegen, wo so viel Wein produziert wird wie in ganz Deutschland zusammengefasst. Ein unüberschaubares Angebot an – meist im Gegensatz zum Burgund – großen Weingütern, Subzonen und einer Klassifikation (der Güter), die auf das Jahr 1855 zurück geht. Sie basiert auf dem Wert, den damalige Händler dem Wein des jeweiligen Weinguts beimaßen. Eine ehrenswerte, aber für mich fragwürdige Norm der Klassifizierung, die der Realität von heute kaum entsprechen kann.

 

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Saint-Émilion findet ihr direkt über »Entre-Deux-Mers« © http://www.weingueter-in.de

 

Umso mehr freue ich mich über die Aktualität der Klassifikation in »St. Émilion«, denn von dort stammt der Wein, den ich in diesem Artikel vorstellen möchte. Die »Gironde« ist der Zusammenfluss der Flüsse »Garonne« und »Dordogne«. Die Appellation St. Émilion befindet sich an der – im Gegensatz zur Garonne – nördlicher verlaufenden Dordogne, anschmiegend an die zweite Weinhauptstadt des Bordeaux, »Libourne«. Daher wird die Region um St. Émilion auch »Libournais« genannt.

St. Émilion ist seit 1999 UNESCO Weltkulturerbe und gemeinsam mit »Pomerol« die bekannteste Region am so genannten „rechten Ufer“. Die Klassifikation in St. Émilion wurde zuletzt 2012 „geupdatet“. Sie ist aktueller als die des »Médoc«, des so genannten „linken Ufers“, und mir daher wesentlich sympathischer.

Ganz im Gegensatz zu den meisten Châteaus in Bordeaux entstand das »Château Valandraud« in St. Émilion aus einem kleinen Garagenweingut (microcuvée), das ähnlich wie das Weingut »Le Pin« in Pomerol Vorbild für Nacheiferer geworden ist. Jean-Luc und Murielle begannen 1989 mit lediglich 0,6 ha (inzwischen ca. 9 ha). 1995 erhielten sie für ihren Wein eine höhere Wertung von Robert Parker, als das weltbekannte »Château Pétrus« aus dem nahegelegenden Pomerol. Kein Wunder, dass die Preise stiegen. Ein echter Pirat sozusagen…

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Die zwei Piraten Jean-Luc und Murielle Thunevin (Andraud). © bodeboca.de

Im Jahre 2012 wurde Valandraud in den Status Premier Grand Cru Classé (B) erhoben, quasi die „High Society“ in St. Émilion. Die „High High Society“ bilden lediglich vier Weingüter, Cheval Blanc, Ausone, Angélus und Pavie. Den Zweitwein von Valandraud, „lediglich“ ein Grand Cru, möchte ich hier gerne vorstellen:

virginie-de-valandraud-2014-saint-emilion-grand-cru-chateau-valandraud»Virginie de Valandraud«, Château Valandraud, Bordeaux, Saint-Émilion Grand Cru, 2014, 13,5%, ca. 38€

Dieser (Zweit-)Wein ist eine Hommage an die Tochter von Jean-Luc Thunevins, Namens »Virginie«. Jean-Luc ist inzwischen vielleicht der bekannste Önologe und négociant von St. Émilion. Seine Cuvée »Virginie de Valandraud« besteht aus 65% Merlot, 25% Cabernet Franc, 5% Cabernet Sauvignon, 4% Malbec und 1% Carmenère, die etwa 18-24 Monate neues Holz geküsst haben. Jahresproduktion ca. 50.000 Flaschen.

Tiefe, violette Farbe, die deutlich ins Schwarz geht. Schon ohne viel Sauerstoffzufuhr ist klar, dass dies ein fein-fruchtiger und vielschichtiger Wein ist. Zu Beginn noch leicht reduktiv wirkend, mit Noten von reifen Kirschen, Blau- und Brombeeren, Zimt, sehr dezentem Leder und einem feinen floralen Touch. Noch sehr jung in seiner Art. Am Gaumen kühl und schwarzfruchtig.

Nach mehr Zeit an der Luft saftige und reife Kirschen, Kräuterwürze und edles Nougat. Immer fein mineralisch in seiner Art, mit süß-schwarzen Beeren im Bouquet.

Am zweiten Tag mit unglaublicher Dichte und fein-fruchtigem, mineralischen Kern. Jetzt kommt auch etwas Salz, wieder Nougat, intensive Lakritz, etwas Tabak, intensive Kräuter und tief-schwarze, nasse Erde.

Ein wunderbar komplexer Saint-Émilion, der bereits nach vier Jahren Reife Trinkfreude ins Glas bringt. Sicherlich auch bewusst so vinifiziert. Dennoch mit deutlichem Potential für die nächsten Jahre.

Bei vinatis.de gibt es »Virginie« aktuell noch (!) in der „Weihnachts-Selektion“ bis zum 26.12. für 30,-€, anstatt für sonst knapp 40,-€. Da kann man getrost zuschlagen!

»Château Valandraud Virginie de Valandraud 2014«

»Vinatis Château Valandraud«

»Vinatis Bordeaux«

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