Verführerischer Gevrey-Chambertin

Meine eigentliche Liebe gehört dem »Spanna«, wie ein Klon der Nebbiolo-Traube im Nordpiemont (»Alto Piemonte«) auch genannt wird, und dem »Pinot Noir«. Weder einen Nebbiolo, noch einen Pinot Noir habe ich hier seit längerer Zeit vorgestellt. Umso mehr freut es mich, heute mal wieder über einen Pinot aus dem Burgund zu schreiben, und zwar einen »Gevrey-Chambertin«.

Die Lagenbezeichnung in Burgund orientiert sich an den umliegenden Städten, in diesem Fall der Stadt Gevrey-Chambertin, die etwa 14km südlich von Dijon – mitten im Filetstück der »Côte de Nuits« – liegt. Hier werden einige der teuersten und angesehensten Pinot Noirs der Welt gekeltert. Wer sich etwas in Burgund auskennt, weiß, dass hier die meisten Grand-Cru-Lagen zu finden sind (9 verschiedene). Aber auch die Village-Weine aus Gevrey-Chambertin sind bekannt dafür in einer hohen Liga zu spielen. Nicht umsonst spricht man bei einem Gevrey-Chambertin auch vom König der Burgunder. Napoleon Bonaparte (1769-1821) trank ihn vermutlich regelmäßig, auch wenn er sich daraus eine Schorle machte, d.h. ihn mit Wasser verdünnte. Unvorstellbar für einen heutigen Weinliebhaber.

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Bodenbearbeitung mit Pferden auf der Domaine de la Vougeraie. Pferde verdichten den Boden nicht so stark wie Maschinen, was zu einer besseren Drainage führt. © Domaine de la Vougeraie

Der Wein, den ich heute vorstelle, stammt von keiner dieser berühmten Grand-Cru-Lagen, noch ist er ein 1er Cru, sondern „lediglich“ ein Ortswein – ein »Gevrey-Chambertin« (darunter kommt von der Klassifizierung her quasi nur noch der »Bourgogne Rouge«). Aber er verdient es hier erwähnt zu werden.

Er stammt von der »Domaine de la Vougeraie«, die unter diesem Namen im Prinzip eigentlich erst seit 1999 existiert. Dort werden sage und schreibe 42ha, die auf 74 verschiedene Lagen in Burgund verteilt sind, biodynamisch (somit der 3. biodynamische Erzeuger in Folge in diesem Blog) bewirtschaftet, was für das Burgund schon eine enorme Größe ist. Die Tradition reicht jedoch etwas weiter in die Vergangenheit zurück, genauer gesagt auf das Jahr 1964, da die Domaine der Familie Boisset gehört, die 1999 lediglich Lagen aus der Familie zusammenführte, sowie zusätzlich erworbene Lagen von zugekauften Weingütern (Claudine Deschamps, Pierre Ponnelle, Louis Voilland und L’Héritier-Guyot) unter der neuen Domaine zusammenfasste, um eine hochwertige „Super-Domaine“ – quasi aus dem Nichts – zu kreieren.

Der aus dem Burgund stammenden Familie gehören inzwischen weltweit 27 verschiedene Weingüter in Frankreich, Kalifornien, Kanada und England. Sehr beachtlich wenn man bedenkt, dass das Unternehmen erst 1961 ohne ein einziges Weingut gestartet ist. Mit einem Jahresumsatz von ca. 200 Millionen Euro ist das Familienunternehmen nicht unbedingt die kleine alteingesessene Domaine, wie man sie sehr häufig in Burgund antrifft, sondern das genaue Gegenteil. Es ist so gesehen der größte Player im Burgund. Da fällt es kaum noch ins Gewicht zu erwähnen, dass Jean-Claude Boisset (heutiger Geschäftsführer des Unternehmens) mit Gina Gallo, Tochter von Bob Gallo und Urenkelin des Mitgründers der amerikanischen Weinfirma Gallo Family Vineyards – dem weltgrößten Weinproduzenten in Familienbesitz – verheiratet ist.

Für romantisierende und schwärmerische Weintrinker hört sich das alles zusammen ziemlich unromantisch an, der Wein war trotzdem nicht schlecht.

»Gevrey-Chambertin«, Domaine de la Vougeraie, Burgund, 13%, ca. 50€

Auf der Homepage der Domaine wird detailliert angegeben, von welchen Parzellen die Trauben für diesen Village-Wein stammen:

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Die Parzellen und Lagen von denen der Village-Wein der Domaine de la Vougeraie stammt. © Domaine de la Vougeraie

Betrachtet man das Durchschnittsalter der Reben, stellt man fest, dass diese zwischen 1949 und 1980 gepflanzt wurden, also inzwischen 38 bis 69 Jahre alt sind. Sehr alte Reben für einen „einfachen“ Village-Wein, auch wenn auf die Angabe »vieilles vignes« (alte Reben) auf der Flasche verzichtet wurde.

Nur 8904 Flaschen wurden 2015 von diesem Wein erzeugt. Spontan vergoren und 16 Monate in Barriques ausgebaut, davon 30% Neuholz mit mittelkräftiger Toastung, keine Schönung sowie nur eine leichte Filtration vor der Abfüllung. Das Ergebnis ist verführerisch.gevrey-chambertin-2015-domaine-de-la-vougeraie

Farblich ein eher kräftigerer Pinot mit himbeer- und kirschfarbenen Stich. Das erste Reinriechen in den Wein hört sich für den einen oder anderen vielleicht nicht so „verführerisch“ an, war es aber: Erinnernd an reife Kirschen, Cherry Coke und etwas Bazooka Joe, Gewürze. Zart-kräftige Frucht strömt einem in die Nasenflügel.

Das wärmere Jahr 2015 ist dezent spürbar in der Nase. Ganz ganz leicht gekochte Frucht. Der Wein wirkt nicht so typisch burgundisch kühl, wie man es in anderen Jahren vielleicht gewohnt wäre. Am Gaumen samtig und mittelkräftig mit süß-würzigem und finessenreichem Fruchtspiel.

Nach 24 Stunden an der Luft noch würziger in der Nase. Ein tolles Spiel aus Süße und Gewürzen: 5-Spice (Fünf-Gewürze-Pulver), Süßkirsche, auch etwas Zwetchge, metallischer als am ersten Tag, kleine reife zermatschte »framboises« (Himbeeren), wie der Franzose sagen würde und auch etwas Kokos. Sehr spicy, sehr duftig, eine echte Gewürzkiste.

Am Gaumen mit kräftigem Zug. Süßlich wirkend, mit genügend stützender Säure und Saftigkeit. Zupackend und kompakt. Hier feine Vanille, Zimt, Pfeffer, Nelke, Anis, reife Himbeeren und Kirschen. Auch etwas Malz und Lakritz ist wahrnehmbar.

Schon jetzt wunderbar genießbar, wenn auch viel zu jung. Holz und Frucht sind noch nicht in perfekter Harmonie miteinander verwoben, was aber mit der Flaschenreife kommen wird. Dennoch bereits ein sehr offener Burgunder, der schon in seiner Jugend zeigt, warum ich Pinot Noir so liebe und warum Pinots aus dem Burgund zu den schönsten Weinen der Welt gehören.

Leider ist dieser Village 2015 bereits bei vinatis.de vergriffen:

»Domaine de la Vougeraie Gevrey-Chambertin 2015«

Alle Weine der Domaine de la Vougeraie findet ihr hier:

»Domaine de la Vougeraie«

Charakterkopf aus Savennières

Nachdem ich in meinem letzten Artikel schon einen Wein von der Loire vorgestellt habe, knüpfe ich dort wieder an. Es war ein Rotwein, genauer gesagt ein Cabernet Franc – die rote Hauptrebsorte der Loire – aus Saumur-Champigny von Thierry Germain. Den Artikel dazu könnt ihr hier lesen: »Die Einstiegsdroge von Thierry Germain«, auch wenn der Wein bei vinatis aktuell bereits vergriffen ist.

Thierry Germain erzeugt seine Weine biodynamisch. Und so verhält es sich auch mit dem Wein, den ich heute gerne mit euch teilen möchte. Wie bereits im letzten Artikel erwähnt, habe ich persönlich so meine Fragen zum biodynamischen Weinbau, in erster Linie zum Gedankengut von Rudolf Steiner. Um so ironischer, dass der hier vorgestellte Wein von keinem geringeren kommt als dem „Godfather der Biodynamie“ an der Loire, nämlich Nicolas Joly von der Domaine de la Coulée de Serrant (oder Château de la Roche aux Moines) in Savennières, gelegen bei der Stadt Angers. Er wird sicherlich auch Thierry Germain in seinem Weg zur Biodynamik beeinflusst haben.

Der inzwischen 73 jährige Nicolas Joly hat einen interessanten Karriereweg hinter sich. Kurz zusammengefasst lautet dieser in etwa so: Vom Investmentbanker in New York und London zum biodynamischen Weinbauern. Ganz unvorgezeichnet war ihm dieser Weg nicht, zumindest der Weg zum Wein. Denn er stammt aus einer Familie, die seit 1957 im alleinigen Besitz (sozusagen ein Monopol) von einer der drei Einzellagen in Frankreich ist, die eine eigene AOC hat, der 7ha großen Lage »Coulée de Serrant«. Die anderen beiden Einzellagen sind »Romanée Conti« von der weltberühmten Domaine de la Romanée-Conti in Burgund und »Château-Grillet« an der Rhône. 1977 verließ Joly die Bankbranche, um das Familienweingut in Savennières zu übernehmen. Mehr oder wenig zufällig ist er zum biodynamischen Anbau gekommen und bewirtschaftet seit 1984 die gesamte Domaine auf diese Art und Weise. Seit 2006 hat seine Tochter Virginie die Verantwortung für das Weingut übernommen.

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Domaine de la Coulée de Serrant. © by http://www.coulee-de-serrant.com

Ich möchte hier nicht langweilen oder zu Themen wie Biodynamie abschweifen, aber für diejenigen unter meinen Lesern, die sich rein gar nichts unter biodynamischem Weinbau vorstellen können. Dies schreibt die offizielle Seite von Demeter (ältester weltweiter Verband, gegründet 1924) z.B. zu biodynamischen Präparaten:

»So verbessert das Hornkiesel-Präparat die Pflanzenqualität. Dafür wird pulverisiertes Quarz in ein Kuhhorn gefüllt und von Frühjahr bis Herbst im Boden eingegraben, damit es die kosmischen Kräfte speichert. Im Herbst ausgegraben, wird der feine Hornkiesel in Wasser rhythmisch verrührt (dynamisiert) und als Spritzpräparat in feinen Tröpfchen auf den Weinberg verteilt. Ein weiteres markantes Präparat ist der Hornmist, der nachweisbar das Bodenleben fördert. Dafür wird Kuhmist in einem Kuhhorn im Herbst in den Boden eingegraben. Auch diese Präparat-Füllung wird dann dynamisiert und im Frühjahr auf den Weinberg gesprüht.«

Und an anderer Stelle:

»Das Einrühren erfolgt mit geringen Präparatemengen und in bestimmten Rythmen, weshalb die Arbeit mit den Präparaten auch als Homöopathie für den Boden bezeichnet wird.«

Mal ganz zu schweigen davon, dass »Demeter« in der griechischen Mythologie die Muttergöttin der Fruchtbarkeit der Erde ist, wird dem einen oder anderen Leser daraus sicherlich unkommentiert schon ersichtlich, warum sich bei mir das ein oder andere Fragezeichen auftut, wenn ich das Wort „biodynamisch“ höre.

Nicolas Joly war – und ist noch immer – eine wirklich einflussreiche Persönlichkeit was den biodynamischen Weinbau betrifft. Er hat nicht nur Wein gemacht (wobei er sich lieber als »Natur-Assistent« bezeichnet), sondern auch Bücher geschrieben, hält Vorträge, hat einen Verein gegründet (»La Renaissance des Appellations«) und kommt viel rum. Sein Buch »Beseelter Wein« ist auch auf Deutsch erhältlich. Ich muss gestehen, dass ich es noch nicht gelesen habe.

Was ich uneingeschränkt an der biodynamischen Weinbauphilosophie befürworten kann, ist die bewusste Hinwendung zur Natur und der Qualität, die im Weinberg erzeugt wird. Aus schlechtem Ausgangsmaterial etwas weltbewegendes zu erzeugen ist schwierig, bis hin zu unmöglich. Hinzu kommt – so wie im biologischen Weinbau auch – der Verzicht auf Herbizide und Pestizide. Sicherlich wären noch mehr Vorteile zu nennen, aber bevor ich an diesem Punkt noch weiter abschweife, komme ich lieber zum Wein, den ich hier nicht vorstellen würde, wenn er mir nicht auch außergewöhnlich gut gefallen hätte.coulee-de-serrant-les-vieux-clos-2015

»Les Vieux Clos«, Domaine de la Coulée de Serrant, Savennières, 2015, 14%, ca. 30€

Der »Les Vieux Clos« ist Jolys Einstiegswein und dafür relativ stolz mit um die 30,-€ bepreist. Ist er sein Geld wert? Ich denke ja! Ist er etwas für den durchschnittlichen Weintrinker? Eher weniger, denn er ist ein echter Charakterkopf.

Was in Rot der Cabernet Franc ist, ist in Weiß der Chenin Blanc für die Loire. Auf der Domaine wird ausschließlich Wein aus Chenin Blanc erzeugt. Es gibt drei Weine. Alle drei kommen aus unterschiedlichen Appellationen: »Les Vieux Clos« (Savennières), »Clos de la Bergerie« (Savennières Roche aux Moines) und »Coulée de Serrant« (wie schon erwähnt eine eigene AOC in Savennières).

Die Reben des »Les Vieux Clos« wurzeln hautpsächlich auf Schiefer (ähnlich wie z.B. an der Mosel). Hinzu kommt etwas Quarz. Eine interessante Bodenformation für den Weinbau. Stammend von einer 5,5 ha großen Lage unweit von der berühmten Einzellage »Coulée de Serrant«. Der Ertrag ist relativ gering mit 30-35hl/ha. Nur ca. 15.000 Flaschen werden jährlich von diesem Wein erzeugt. Er bringt satte 14 Volt (Alkohol) auf die Waage und hat dabei nur 1,0 Gramm Restzucker, was man bei der ersten Nase nicht unbedingt denken würde.

Ungewöhnlich ist, dass mit Botrytis (eine Edelfäule) befallene Trauben bewusst mit vergoren werden. Beim Les Vieux Clos sind es sogar 15-20%, also fast 1/5 der gesamten Lese. Edelfäule hat in »Anjou« – der Oberappellation von Savennières – eine lange Tradition, da auf diese Art und Weise Süßweine erzeugt wurden und noch immer werden. Der Les Vieux Clos ist jedoch, wie bereits erwähnt, knochentrocken. Selbstverständlich spontan vergoren.

Die Farbe des Weines ist unfassbar goldgelb, ja geradzu Bernsteinfarben, ähnlich wie bei einem Vin Jaune aus dem Jura oder einem sehr reifen Weißwein. Und so erinnert der Wein unkaraffiert auch etwas an Vin Jaune, ohne jedoch wirklich oxidativ zu sein: Grüner Apfel (an guten Champagner erinnernd), nussig, Zitrus, Honig, Wachs, Birne und Salz sind meine ersten Eindrücke. Man merkt sofort, dass man einen außergewöhnlichen Wein im Glas hat, der sehr komplex, tiefgründig und intensiv ist.

Der Weinhändler Heiner Lobenberg führt die Farbe des Weines auf einen Ausbau mit Schalenkontakt (wie bei einem »Orange Wine«, also eine Maischegärung bei Weißwein) zurück. Da er den Wein zumindest im Jahrgang 2014 noch Sortiment führte, gehe ich davon aus, dass es wohl stimmen mag, wobei ich wohl eher vermute, dass die Farbe des Weines auf die sehr reif gelesen Trauben, sowie den hohen Anteil mit Botrytis befallenen Trauben zurückzuführen ist. Beim Schwenken im Glas wirkt er sehr schwer und ölig.

Dieser Charakterkopf von Wein bringt eine laserstrahlartige Säure auf die Zunge, die sich unglaublich lange und präzise durch den gesamten Mund zieht. Tolle Textur im Mund aufgrund seiner öligen Schwere gepaart mit dieser grandiosen Säure. Der Abgang ist salzig, wachsig, reif, etwas brandig und bleibt minutenlang präsent.

Der Weinhändler vinats, Nicolas Joly und andere empfehlen diesen Wein mehrere Stunden vor Genuss zu karaffieren (bis zu 24 Std. vorher). Dies habe ich natürlich auch getan, um zu schauen, wie sich dieser Wein entwickeln würde. Um ehrlich zu sein wirkte er jedoch nach 24 Std. in der Karaffe etwas eindimensionaler und verschlossener auf mich als nach 1-2 Std. an der Luft. Und länger als 3 Tage hat er bei mir leider auch nicht überleben können. Er war zu schnell ausgetrunken.

Am zweiten Tag erinnert er mich jedoch deutlicher an Karamell, Nüsse, Apfel, Curry und sogar an Senf. Alles mit diesem unglaublichen „lift“ in der Nase, der sich schwer in Worte fassen lässt. Hinzu kommen auch Noten von frischem Teig, Brotkruste und andere getrocknete Früchte (wie Rosinen). Klingt würzig auf Anis, Lakritz und Frucht aus. Bleibt unglaublich lange am Gaumen.

Bitte den Wein nicht zu kalt trinken, eher wie einen leichten Rotwein. In großen Gläsern servieren. Ich hatte ihn im Zalto Burgunder Glas, was passend war. Kein Wein für jeden Tag. Ungewöhnlich. Nicht für jedermann. Sollte man dennoch irgendwann mal getrunken haben. Als Weinnerd fragt man sich wie lange dieser Wein wohl reifen kann. Wie schmeckt das in 10-20 Jahren? Kaufen könnt ihr dieses Unikat von Wein z.B. bei vinatis:

»Domaine de la Coulée de Serrant Les Vieux Clos 2015«

Für alle Interessierten und der englischen Sprache mächtigen anbei noch ein kurzes, aber informatives Video über Nicolas Joly von Vice:

Die Einstiegsdroge von Thierry Germain

Ich habe etwas länger als gewöhnlich überlegt, wie ich diesen kleinen Artikel beginnen soll, aber ich kann irgendwie nicht anders, als so anzufangen: Weine wie dem »Les Roches« von der »Domaine des Roches Neuves« begegne ich sehr selten. Das letzte Mal, dass mich ein Wein in der Preiskategorie um 10,-€ so ins Staunen versetzt hat, ist schon etwas her. Dieser »Saumur-Champigny« ist ein echter Weinwert im Vergleich zu seinem Preis. Oder um es mit anderen Worten zu formulieren: Er ist eine echte Bank!

F1382_2016NM_cAuch wenn ich zugeben muss, dass ich mich an der Loire nicht sehr gut auskenne, vermute ich, dass Germains »Les Roches« mit einer der denkbar besten Einstiegsweine in die Welt des Cabernet Franc von der Loire sein könnte.

»Les Roches«, Domaine des Roches Neuves, Saumur-Champigny, 2016, 12,5%, ca. 13€

2016 war kein einfaches Jahr an der Loire (Frostschäden), so dass Germain sich gezwungen sah für diesen Jahrgang sogar Trauben zuzukaufen. Aber man sagt ja so schön, dass Winzer, die ihr Handwerk beherrschen, auch in schwierigen Jahren herausragende Weine produzieren können. Thierry Germain scheint sein Handwerk zu beherrschen und dazu noch sehr sehr gut mit Cabernet Franc umgehen zu können. Dies beweist schon sein „einfachster“ Wein, der allerdings alles andere als einfach ist.

Germain stammt eigentlich aus dem Bordelais und kam erst Anfang der 90er Jahre an die Loire. Nach und nach folgte ihm auch seine Familie. Seit 2000 arbeitet er biodynamisch, d.h. unter anderem basierend auf der anthroposophischen Philosophie Rudolf Steiners (1861-1925). Er selbst sagt, dass die Umstellung auf biodynamischen Weinbau erst ab 2008 wirklich „Früchte“ getragen hat.

Ich persönlich habe ja so meine Probleme mit der esoterischen Philosophie, die hinter dem Gedankengut von Rudolf Steiner steht, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass ein zuvor konventionell behandelter Weinberg einige Jahre Zeit benötigt, bis sich der Boden und das gesamte Ökosystem von der chemischen Keule erholt hat. Ob biodynamisch oder „nur“ biologisch arbeitend, dies wird Auswirkungen auf die entstehenden Trauben im Weinberg haben, und aus diesen wird ja dann schließlich der Wein gemacht.

Wie auch immer man über Biodynamie denkt, der Wein schmeckt verdammt gut. Das wird allerdings auch daran liegen, dass Thierry sein Handwerk als Winzer beherrscht. Denn ein schlechter Winzer macht auch aus guten und gesunden Trauben mit Sicherheit keinen herausragenden Wein. Vielleicht kann man das auch so umschreiben: Ein teurer Grand Cru aus Burgund wird kein herausragender Wein sein, wenn der Winzer im Weinberg und im Keller nicht gut reagiert und begleitet. Einfach nur eine Grand-Cru-Lage zu besitzen, bedeutet noch nicht, dass der Wein, der am Ende auf die Flasche gezogen wird, auch ein echter Grand Cru sein wird.

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Thierry Germain und Pferd. Pferde werden auf der Domaine fast ausschließlich für die Bodenbearbeitung eingesetzt. © by Facebook Domaine des Roches Neuves.

Aber wie schmeckt er denn nun? Auffallend für mich war vor allem die Textur, die der Wein auf die Zunge und an den Gaumen bringt: Er ist eher leicht, aber mit genügend Rückgrat, einer weichen, fast schon cremigen Textur und verfügt gleichzeitig über eine angenehme Säurestruktur, die dem Wein einen gewissen Lift verpasst. Das ist sehr trinkanimierender Stoff, der vielseitig kulinarisch einsetzbar ist (passt sehr gut zur gerade beginnenden Grillsaison). Er hat nur 12,5% Umdrehungen und ist dennoch – trotz seiner Leichtigkeit – niemals banal oder langweilig. Finessenreich, frisch und dennoch mit Geschmackstiefe beschreibt es sicherlich gut.

Aus dem ersten Glas, direkt nach dem Öffnen der Flasche, steigen Noten von Pfeffer und Paprika auf (die niemals störend und laut, sondern bereichernd ist), begleitet von Frucht (schwarz und rotfruchtig). Könnte auch etwas an die Nordrhône und schwarze Oliven erinnern, denn bei den ersten Schlücken wird auch verbranntes Fleisch schmeckbar. Nach ein paar Minuten wird der Wein etwas „weicher“ in der Nase und offeriert feuchte, nasse Erde.

Ich hatte ihn zuerst im Gabriel Glas, bin dann aber umgeschwenkt auf das Zalto Bordeaux Glas, was ihm noch besser gestanden hat. Vielleicht sollte man es sogar mal in einem noch bauchigeren Glas wie einem Burgunderglas probieren.

Am zweiten Tag deutliche Noten von Brombeeren, Cassis, Hagebutte, Veilchen, schwarzem Pfeffer und Kräutern. Dazu kommt aber auch etwas Schießpulver (China Böller), was mir persönlich sehr gut gefällt. Die erdigen Noten sind jetzt noch präsenter und erinnern mich tatsächlich zeitweise auch etwas an feuchte, mit schwarzer Erde überzogene, Kartoffeln.

Er klingt leicht herb, kräuterig und schwarzfruchtig im Gaumen aus. Da ist auch etwas Lakritz wahrnehmbar. Klasse Wein! Tolle Visitenkarte von Thierry Germain, die Lust auf die ganze Palette macht.

Ich habe bereits – was sehr selten der Fall ist – nachbestellt. Ich konnte nicht anders. Zumal es bei vinatis.de diesen Wein für unschlagbare 12,43€ die Flasche gibt. Ich habe nicht bewusst danach gegoogelt, aber sonst sieht man diesen Wein meist für um die 18,-€ in deutschen Weinläden. Wenn man den Preisunterschied bei der Bestellung von 6 Flaschen, was man bei diesem Wein getrost machen sollte, einberechnet, fallen auch die anfallenden Versandkosten von knapp 6,-€ kaum noch ins Gewicht. Wer diesen Wein nicht selbst probiert, ist selber schuld.

»Domaine des Roches Neuves Les Roches 2016«

Die ganze Palette seiner Weine findet ihr hier:

»Domaine des Roches Neuves«

Crémant 85.3

Champagner ist für viele Menschen dieser Erde ein Begriff. Manche haben auch schon von »Crémant de Loire«, »Crémant d’Alsace« oder »Crémant de Bourgogne« gehört, dann hört es meistens schon auf. Das ist schade, da es wesentlich mehr zu entdecken gibt.

Crémant ist grundsätzlich erst einmal französischer Schaumwein, der ebenso nach der méthode traditionnelle oder champenoise hergestellt wird, also so wie auch Champagner, der aber nicht aus der Champagne stammt. Er wird ebenso nach der traditionellen Flaschengärung hergestellt, enthält aber meistens wesentlich weniger Druck (Bar). Kleine side note: Unter bestimmten Voraussetzungen darf auch ein deutscher Sekt »Crémant« heißen.

»Crémant de Savoie«? Davon werden die wenigsten in Deutschland bisher etwas gehört haben. Nicht einmal weinkenner.de (die Seite von Dr. Jens Priewe) listet in ihrem Online-Lexikon diesen regionalen Crémant. Seit Ende 2015 darf Schaumwein aus Savoyen, der unter bestimmten Voraussetzungen erzeugt wurde, so heißen. 60% der regionalen Rebsorten Jacquère und Altesse (auch Roussette genannt) müssen drin sein, mit insgesamt mindestens 40% Jacquère in der finalen Cuvée. Wer etwas mehr über die Weinregion Savoyen erfahren will, kann hier einen älteren Artikel von mir lesen »Savoyen für Weinhipster«.

chablis-1er-cru-vaillons-2015-dauvissat-jean-filsWeine oder Schaumweine, die das Zeug (und das Preis-Genuss-Verhältnis) für einen »Hauswein« haben, findet man nicht alle Tage. Der »Crémant 85.3« von den Brüdern Denis und Didier Berthollier von der »Domaine La Combe des Grand’Vignes« aus Chignin hat für mich aber das Zeug dazu. Was meine ich mit »Hauswein«? Einer, von dem man immer ein paar Flaschen im Keller stehen haben sollte. Dieser Crémant ist sehr vielseitig einsetzbar, aber nicht ohne eigenen Charme.

»Crémant 85.3«, Domaine La Combe des Grand’Vignes, Savoie, 12%, ca. 17€

Die Domaine La Combe des Grand’Vignes blickt auf eine sehr lange Familientradition zurück (1850), wobei erst in den Jahren 1960-1970 von einem Mischbetrieb auf Weinbau umgestellt wurde. Seit 1997 sind die Gebrüder Berthollier in Verantwortung. Beide legen großen Wert auf eine fast biodynamische Arbeitsweise und bewirtschaften so ca. 11 ha Rebfläche.

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Reben an den Hängen des Bauges-Massiv bei Chignin und Francin. Savoyen, vielleicht eine der schönsten Weinregionen der Welt?

Die Böden in Chignin, Francin und Montmélian bestehen aus Kalksteingeröll und Gletschermoräne. Die Parzellen von denen die »Cuvée 85.3« kommt sind mehr geprägt von Kalkstein und Ton. Die Cuvée enthält 60% Jacquère und 40% Chardonnay. Die Flaschengärung trat er im September 2014 an, degorgiert wurde im Oktober 2017, was wie bei einem guten Champagner auf der Flasche auch angegeben ist.

Die Farbe des »85.3« ist eher zurückhaltend, ein mittelkräftiges bis leichtes Strohgelb. Direkt nach dem Öffnen zeigt er sich vom Bouquet dezent hefig mit etwas saurem Apfel. Die Apfelnote erinnert mich tatsächlich an Champagner, ohne das dieser Schaumwein vorgibt etwas zu sein, was er eigentlich nicht ist. Später dann auch Zitrus in der Nase, weiße Blüten und weiß-fruchtiges Steinobst. Dazu gesellt sich eine leichte Würzig- und Nussigkeit. Die Perlage ist mittelfein mit einer zupackenden Säure.

Insgesamt ist dieser Crémant leicht wie eine Feder, ideal als Aperitif, zu Salat oder leichtem Seafood. Trotz seiner Leichtigkeit bleibt er jedoch niemals ausdruckslos oder flach, sondern einfach nur verdammt charmant, zart und elegant.

Mir gefällt der »Crémant 85.3« schlicht richtig gut. Seine feine Fruchtigkeit gepaart mit dezenter Mineralität und einer schwerelosen Leichtigkeit machen einfach Spaß! »85.3« ist das Synonym für trinkanimierend und Freude verbreitend, so wie guter Schaumwein sein sollte!

So lange noch nicht vergriffen, könnt ihr euch bei vinatis.de damit hier eindecken:

»Domaine La Combe des Grand’Vignes Crémant 85.3«

Fetter Chablis

Technisch gesehen gehört »Chablis« – wie auch das ganz im Süden gelegene Beaujolais – noch zur Region Burgund. Dabei ist Chablis ca. 150-160km weit vom Herzen des Burgunds, nämlich dessen Filetstück, der so genannten »Côte d’Or«, entfernt. Klima und Böden sind in Chablis etwas anders und unterscheiden sich vom restlichen Burgund, obwohl auch hier die weiße Rebsorte Chardonnay angebaut wird. Die kühleren Wetterverhältnisse, die von fossilen Muschelschalen (vielleicht haben deshalb Austern und Chablis so eine enge kulinarische Verbindung) geprägten Ton- und Kalksteinböden (Kimmeridge-Kalkmergel) bringen Weine hervor, die, wenn sie authentisch vinifiziert werden um ihr Terroir widerzuspiegeln, einzigartig sind.

Ein guter (Petit-)Chablis hat deshalb etwas karges, steinig-mineralisches, ja salziges und in seiner Jugend auch etwas robustes an sich. Lediglich die besten Premier-Cru- (40) und Grand-Cru-Lagen (7) bringen Weine hervor, die kräftiger, oft auch fruchtbetonter und langanhaltender am Gaumen sind. Guter Chablis kann lange reifen und ist geprägt von einer strahlenden Säureader.

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Fossile Böden in Chablis (© by chablis-weine.de)

Wie wetterabhängig Chablis ist, sieht man vor allem daran, wie sehr sich einzelne Jahrgänge unterscheiden können. Wer das mal praktisch ausprobieren möchte, sollte sich einen Chablis aus 2014 und 2015 vom gleichen Winzer, in gleicher Qualitätsstufe besorgen und diese parallel verkosten. Einen Premier Cru aus dem sonnenverwöhnten und etwas ungewöhnlichem Chablis-Jahr 2015 möchte ich hier gerne vorstellen:

»Vaillons«, Premier Cru, Domaine Jean Dauvissat, Chablis, 2015, 13%, ca. 37€

Zunächst einmal: Die Domaine Jean Dauvissat ist nicht zu verwechseln mit der Domaine Vincent Dauvissat. Vincent Dauvissat gilt für viele Chablis-Liebhaber zusammen mit François Raveneau als einer der besten Produzent in Chablis. Und sie ist auch nicht zu verwechseln mit der ebenso etablierten Domaine Jean et Sebastien Dauvissat (auch aus Chablis). Kompliziert, wie immer in Burgund!

Seit 2010 hat Fabien Dauvissat das Ruder auf dem Weingut in der Hand. Jean Dauvissat lieferte die Trauben noch an größere Handelshäuser, füllte selber nicht ab. Und auch heute wird nicht alles selber abgefüllt, nur die besten Parzellen. chablis-1er-cru-vaillons-2015-dauvissat-jean-filsDas Weingut muss einen enormen logistischen Aufwand bewältigen, da es 53 Parzellen (!) über 22 ha verteilt zu pflegen hat. Den größten Teil davon machen „einfache“ Chablis-Village-Lagen aus, etwas Petit-Chablis und fünf verschiedene Premier-Cru-Lagen. Der hier vorgestellte Wein kommt von einer der größten und bekanntesten Premier-Cru-Lagen: Vaillons (110 ha).

Im Glas ein eher kräftigeres Strohgelb mit leicht grünlichem Stich. Man sieht bereits an der Farbe dieses Chablis die Wärme des Jahres. Wer bei 2015 die Sprizigkeit und Säure von 2014 sucht, wird etwas enttäuscht sein. 2015 ist deutlich gefälliger.

2015 eignet sich daher ideal für Chablis-Einsteiger. Die eher zugängliche Nase erinnert zunächst nicht ausschließlich an Chablis. Gelb- und weißfruchtig (kandierte Frucht), getragen von einer leichten Salzigkeit (Jod) und einer kreidigen Art. Auch wenn die Säurestruktur vielleicht nicht typisch für einen klassischen Chablis-Jahrgang ist, ist dennoch genügend Frische vorhanden.

Vom Mundgefühl her für einen 1er Cru Chablis überraschend vollmundig, cremig, ja fast schon etwas opulent. Hat ordentlich Fleisch auf den Rippen. Mehr etwas zur Begleitung von weißem Fleisch in sahnigen Saucen oder eher öligen Fischen. Wir hatten dazu grünen Spargel, Krevetten, Baguette, Salat und eine selbst kreierte Knoblauch-Senf-Hollondaise. Ging auch gut.

Der Abgang ist enorm, sehr lang anhaltend mit einem kreidig-fruchtigem Nachklang. Kandierte Birne, mineralisch, etwas Feuerstein, aber auch etwas würziges, was mich persönlich an Anis oder Fenchelsamen erinnert. Etwas später dann metallisch-kühl und erinnerd an frischen Teig (weit hinter der reifen Opulenz, die noch immer vordergründig ist).

Am zweiten Tag dann noch würziger, in der Nase jetzt erinnernd an Schießpulver (oder China-Böller) und weißen Pfeffer. Die Frucht ist nicht mehr ganz so vordergründig. Gefällt mir an Tag zwei deutlich besser. Eine schöne Ballance zwischen Frucht und Mineralität.

Wäre interessant zu wissen wo die Reise in den nächsten Jahren bei diesem Wein hin geht. Er ist schon jetzt sehr gut trinkbar. Luft tut ihm gut. Bei vinatis.de kann man den Wein kaufen:

»Domaine Jean Dauvissat 1er Cru Vaillons 2015«

Savoyen für Weinhipster

Schon einmal von Jacquère, Mondeuse, Persan oder Roussette gehört? Ich vermute, dass die Wenigsten das haben. Fragt sich eigentlich warum? Denn die daraus gekelterten Weine dieser allesamt autochthonen Rebsorten der französischen Weinregion »Savoie« (Deutsch: »Savoyen«) können etwas Besonderes sein.

Savoyen liegt in einem Dreiländereck. Dem entsprechend bewegt ist die Historie dieser Region. Hier begegnen sich Frankreich, Schweiz und Italien. Erst seit etwa 150 Jahren ist Savoyen ein Teil Frankreichs. Gelegen in und an den französischen Alpen, nahe des Genfer Sees, unweit des Mont Blanc und dem italienischen Aosta-Tal bietet Savoyen eine sehr heterogene Landschaft mit einigen Seen, Bergen und Tälern. Es ist eine der höchstgelegenen Regionen in ganz Europa und den meisten am ehesten noch bekannt durch das Ski fahren im Winter.

Überwiegend wird hier Weiß- und Perlwein erzeugt, der zumeist sehr frisch und trinkig ausfällt und oft mit sehr moderaten Alkoholgehalten (oft zwischen 11-12%) ausgestattet ist. Ein weiteres Goody: Die Weine sind verglichen zu den nach oben schießenden Preisen anderer, bekannterer Regionen Frankreichs, noch sehr moderat bepreist. Ich vermute, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern wird, da Savoyen – ähnlich wie das Jura – wieder hip zu werden scheint.

Ein Grund warum so wenige Weintrinker und -liebhaber die Weine der Region Savoyen schätzen, liegt wohl in der einfachen Tatsache begründet, dass die wenigsten Weine in den Export gelangen (zumindest seltenst nach Deutschland). Man kann sie fast nirgends kaufen. Vieles wird vor Ort getrunken.

So war es Anfang diesen Jahres auch mehr oder weniger ein riesiger Zufall, dass ich in einem Käseladen in Hannover auf Weine aus Savoyen stieß. Dass der Händler diese Weine zu bestimmten französischen Käsesorten verkauft, war wiederum kein Zufall, denn zu einigen passen diese frisch-mineralischen Weine sehr gut. Vor allem zu den entsprechenden Käsesorten, die selbst aus Savoyen stammen. Kein Zufall wiederum war auch, dass der Besitzer Franzose war. Was wiederum erklärt, dass er solche Weine überhaupt führte.

Kaum ein interessierter Gaumen wird jetzt nach Hannover fahren, um den besagten Käsehändler ausfindig zu machen. Muss auch niemand, denn bei vinatis.de – einem mittelständischen Weinversand aus der Haute-Savoie – genauer gesagt Annecy, gelegen am Nordufer des wunderschönen Lac d’Annecy, kann man Weine aus dieser Region direkt nach Hause bestellen. Da vinatis aus der Region kommt, führen sie Weine, an die man sonst so gut wie gar nicht in Deutschland kommt. Zwei Weine aus diesem Sortiment möchte ich gerne vorstellen.

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Lac d’Annecy

»Le Golliat«, Cru Marestel, Château de la Mar, Savoie, 2015, 12,5% oder 13%, ca. 18€

Das »Château de la Mar« liegt mitten in den Weinbergen des kleinen Ortes Jongieux. Lediglich 7 ha Weinberge gehören zum Anwesen des schön restaurierten und zum Verweilen einladenden Hotels.

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Beim »Le Golliat« handelt es sich um die einheimische Rebsorte »Roussette«, welche auch »Altesse« genannt wird. Roussette ist die hochgelobteste Weißweinsorte aus Savoyen, der das größte Potential nachgesagt wird. »Marestel« ist ein »Cru Roussette de Savoie«, d.h. auf Deutsch ein Großes Gewächs. Es gibt nur vier Crus in Savoyen, die diese Bezeichnung für einen Roussette zulassen: Marestel, Frangy, Monterminod und Monthoux.

Der »Le Golliat« hat kein Holz gesehen, sondern wurde für 1 Jahr im Stahltank auf der Feinhefe ausgebaut. Nur ca. 4000 Flaschen werden jährlich davon produziert. Er hat eine strohgoldene Farbe, eher kräftiger im Vergleich zu den meisten Weinen, die ich bisher aus Savoyen kenne. So unterscheidet sich auch das Bouquet: Aus dem Glas steigen eher reifere Noten von Aprikosen, Pfirsich, Honig, Butter, Nüssen und leicht süßlichem Gebäck empor. Alles mit einem leicht floralen Touch.

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Bei der Lese. Unten: Das Château de la Mar

Le Golliat bietet einen schönen Trinkfluss, gestützt durch eine präsente Säure und eine leichte Süße (wobei ich annehme, dass er nicht all zu viel Restzucker besitzt). Der Wein wirkt sehr kräftig und komprimiert und könnte durchaus noch etwas mehr Flaschenreife vertragen. Kleines Manko hier: Der Schaumstoffkorken, der Wein meist schneller altern lässt, als unter einem normalen Korken. Schade eigentlich, denn der Inhalt dieser Flasche besitzt durchaus die Würde für einen echten Kork.

Im Mund erinnert der Wein an kandierte Birne, hat einen leicht nussigen und mineralischen Geschmack mit einer dezenten Bitternote im Abgang. Für mich ein Wein zu weißem Fleisch wie z.B. Hähnchen Schenkel in Orangensauce. Hier kann man den neuen Jahrgang 2016 kaufen:

»Château de la Mar Le Golliat Marestel 2016«

Zu empfehlen ist auch der einzige Rotwein von Château de la Mar, der »Mondeuse«. Auch wenn dieser aktuell bei vinatis ausverkauft ist.

»Argile Blanc«, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges, 2016, 11%, ca. 18€

argile-2016-domaine-des-ardoisieresDie »Domaine des Ardoisières« ist ein sehr junges Weingut, welches erst 1998 ins Leben gerufen wurde. Beflügelt von einem Traum eine große, verfallene und außergewöhnliche Lage in Cevins wiederzubeleben. Derzeit sorgt die Domaine vor allem in Frankreich für Aufsehen.

Die Lagen sind mit bis zu 60% Neigung schwer zu bearbeiten, von denen inzwischen knapp 13 ha von Brice Omont, einem ehemaligen Agraringenieur aus der Champagne, und seinem Team biologisch bewirtschaftet werden.

Die Trauben für den Argile Blanc stammen aus der Region um St. Pierre de Soucy. »Argile«, was übersetzt »Ton« bedeutet (eine Anspielung auf den tonhaltigen Oberboden), ist eine Cuvée aus 40% Jacquère, 40% Chardonnay und 20% Mondeuse Blanche. Die Erträge sind minimal und liegen zwischen 15-35 Hektolitern pro Hektar. Der Argile Blanc und der Argile Rouge sind die Einstiegsweine der Domaine und zugleich dessen zugänglichsten Weine. Der Ausbau erfolgt für knapp 8 Monate zu 1/3 in gebrauchten Barriques und zu 2/3 im Edelstahl. Es wird spontan vergoren und am Ende leicht filtriert. Produktion für den Argile Blanc: Ca. 20.000 Flaschen.

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Domaine des Ardoisières: Lagen mit bis zu 60% Neigung

Im direkten Vergleich zum Le Golliat zeigt sich der Argile deutlich heller in seiner Farbe, fast schon mit minimaler Farbausprägung. Das Bouquet ist sehr zart und zurückhaltend. Es wirkt zitrisch, leicht mineralisch und hat eine funky Note, die man nicht gleich identifizieren kann. Weit entfernt im Hintergrund erkennt man einen reiferen Kern, der mich persönlich an etwas tropisches erinnert, vielleicht Litschi. Leichte Nuancen von Feuerstein oder abgebrannten Streichhölzern sind erkennbar, etwas frischer Zitronensaft mit dezenter weiß-gelber Frucht als Rückgrat.

Schöne alpine Frische beim Trinken. Sehr klar, aber auch etwas zurückhaltend, leicht medizinal und buttrig, deutlich leichter als der Le Golliat. Der Wein wirkt fast unaufgeregt, irgendwie in sich ruhend und dennoch nicht banal.

Für mich ein Seafood-Wein par exellence. Toll auch als Aperitif im Sommer oder zu leichten Speisen. Hier könnt ihr den Stoff kaufen:

»Domaine des Ardoisières Argile Blanc 2016«

Weihnachtliche Rhône

Wir steuern mit ziemlicher Sicherheit auf Weihnachten zu. In weniger als zwei Wochen ist es wieder einmal soweit. Dann kommt auch schon Silvester und wir befinden uns schneller als wir gucken können im Jahr 2018. Zumindest für mich als Pastor fühlt es sich so an, als wenn die letzten zwei Monate des Jahres an mir am vorbeirauschen sind. Pastoren arbeiten? Ja! Auch an Tagen die man nicht als „Sonntag“ bezeichnet? Jup!

Während der kommenden Feiertage gönnt man sich für gewöhnlich ja Mal etwas, z.B. einen guten Wein oder Schaumwein zu einem festlichen Essen. Welch besseres Fest gibt es dafür als Weihnachten (auch wenn die Umstände der Geburt Jesu alles andere als „festlich“ waren) und die darauf folgenden Feiertage?

Aus gegebenem Anlass möchte ich gleich drei Weine teilen, die meines Erachtens nach sehr gut zu klassischen weihnachtlichen Festtagsgerichten passen. Alle drei kommen aus dem Rhônetal und decken geografisch betrachtet quasi die Nord- bis Südachse ab. Die Weine der Nordrhône (Hauptrebsorte: Syrah) unterscheiden sich in ihrer Stilistik von denen der Südrhône (Hauptrebsorte: Grenache) nicht unerheblich. Und auch innerhalb dieser mehr als groben Aufteilung ist die Rhône äußerst vielfältig.

Die Weine der Rhône stehen anderen großen Weinregionen in nichts nach. Dennoch scheinen sie meiner Einschätzung nach beim allgemeinen Volk gegenüber Burgund oder Bordeaux irgendwie hinten dran zu sein. Warum ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, handelt es sich doch um einzigartige Weine und um Weine, die ein winterliches Festessen bestens komplementieren.

»Côte-Rôtie Village«, Stéphane Ogier, Rhône, 2014, 12,5%, ca. 38€

Der erste Wein kommt ganz aus dem Norden, direkt unter der Stadt Vienne gelegen, von der »Côte-Rôtie«. »Côte-Rôtie« bedeutet so viel wie „geröstete Hänge/Küste“. Eine Anspielung auf die steilen und sonnendurchfluteten Hänge, die teilweise ähnlich steil sind wie an der Mosel. Der Côte-Rôtie gehört mit dem Condrieu und dem Hermitage zu den bekanntesten und nobelsten Appellationen der nördlichen Rhône. Hier spielt fast ausschließlich die Rebsorte Syrah die Hauptrolle, die mit etwas Viognier (weiß) verschnitten werden darf.

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Hänge der Côte-Rôtie

Die Nordrhône wird von ein paar großen Handelshäusern dominiert (z.B. E. Guigal oder M. Chapoutier). Die Domaine Ogier spielt hier wirtschaftlich betrachtet eher eine kleine Rolle, auch wenn Stéphane Ogier dabei ist, in andere Regionen des Rhônetals zu expandieren.

Stéphane Ogiers »Côte-Rôtie Village« wird aus 100% Syrah gekeltert und für 18 Monate im Barrique (davon zu 1/3 in Neuholz) ausgebaut. Es handelt sich um eine Blend aus verschiedenen Lagen und eher jüngeren Reben. Es ist der „kleinste“ Côtie-Rôtie von Ogier. Farblich ist der Wein ziemlich dunkel, fast ins schwarz-lila gehend, mit hellerem Rand.

cote-rotie-village-2015-domaine-ogier-d-ampuisAm ersten Tag zeigt sich dieser Côte-Rôtie sehr frisch und pfeffrig zugleich, mit schwarz-grünen Oliven, eher roten Früchten und etwas verbranntem Fleisch. Im Trunk und in der Nase schon erstaunlich zugänglich für einen so jungen Côte-Rôtie.

Vom Mundgefühl her zeigt sich dieser Syrah kühl und dennoch persistent mit einem mittel-langen Nachhall. Der Wein ist nicht breit und dennoch eng gewoben. Er wird getragen von der Säure, ist fest und strukturiert, vielleicht noch etwas zu jung, um sich in seiner ganzen Pracht zu zeigen.

Mich persönlich erinnert er tatsächlich etwas an den Côtes du Rhône der Domaine Jamet (ebenso ein sehr bekannter und kleinerer Erzeuger in der Appellation Côte-Rôtie). Nur das Ogiers Village etwas länger und tiefer ist, als Jamets Côtes du Rhône.

Am zweiten Tag in der Karaffe deutlich würziger und kräutriger. Das Bouquet hat sich mehr geöffnet und wird auch schwarzfruchtiger: Reife Blaubeeren, Pflaumen, Nelken, Paprikapulver, dezente Lakritze, dezent schokoladig mit etwas Kakao, schwarzer Pfeffer, leicht rauchig und verbrannt und etwas Oliventapenade.

Ein sehr guter Begleiter zu verschiedenen, eher gehaltvolleren Gerichten und nicht nur zu rotem Fleisch einsetzbar. Sehr gut denkbar wäre hier auch die klassische Weihnachtsgans und anderes, auch geschmortes Geflügel oder kräftige vegetarische Küche. Hier kann man den Wein kaufen:

»Domaine Ogier Côte-Rôtie Village 2015«

Hinweis: Es handelt sich bei dem Link um den aktuellen Jahrgang 2015. Beschrieben wurde hier der Jahrgang 2014. Beide Jahrgänge waren große Jahrgänge an der nördlichen Rhône!

»Hermitage«, E. Guigal, Rhône, 2011, 14%, ca. 38€

Die Domaine Guigal ist eine von den oben bereits erwähnten großen Handelshäusern der Nordrhône und wie die Domaine Ogier ansässig in der Appellation Côte-Rôtie in Ampuis. Guigal ist hier der Platzhirsch, der hier seit 2003 sogar eine eigene Tonnellerie (Küferei/Fassbinderei) betreibt. Unter anderem eben ein Händler, der Weine auch zukauft, aber bis zum einfachen »Côtes du Rhône« gute bis sehr gute Qualitäten erzeugt.

Richtig bekannt geworden ist Guigal durch seine für die Côte-Rôtie eher untypischen LaLaLa-Weine (La Landonne, La Moulin und La Turque). Diese Weine werden knapp vier Jahre lang in Neuholz ausgebaut und kosten um die 300,-€ die Flasche.

Guigal produziert jedoch auch Weine aus anderen Appellationen der Nordrhône, unter anderem einen „kleinen“ »Hermitage«, den ich hier gerne vorstellen möchte. Die Marktmacht von Guigal ist hier noch nicht ganz so groß wie an der Côte-Rôtie.

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Blick vom Hermitage-Hang auf die Stadt Tain

Der Hermitage-Hügel liegt ca. 50km südlich von der Côte-Rôtie und gebiert seit Jahrzehnten einen der berühmtesten Weine Frankreichs. Er stammt im Gegensatz zu anderen Appellationen vom gegenüberliegenden Ostufer der Rhône, die an dieser Stelle eine deutliche Kurve Richtung Osten zieht. Der Untergrund besteht hier zu einem großen Teil aus Granit, Feuer- und Kalkstein. Es ist eine kleine Region mit ca. 140ha Anbaufläche und im Prinzip ein einziger Hang mit Südausrichtung, der eben »Hermitage« heißt. Von Fotos ist vielen sicherlich die kleine Kapelle »L’Hermite«, aus dem 17. Jh. oben auf dem Kamm des Hügels, bekannt.

Guigals Hermitage hat eine sehr kräftige und dunkle Robe, auch hier ins schwarz gehend. Direkt nach dem Karaffieren sehr vom Neuholz geprägt: Vanillig und dennoch sehr charmant, ja geradezu betörend und irgendwie „sexy“.

Guigal-Web-Hermitage-RGNach fast 12 Stunden an der Luft ein super nobles Bouquet, das sich von der Beschreibung her vielleicht nicht so nobel anhören mag: Verbranntes pfeffriges Rinderfleisch, ätherisch und minzig, schwarze Oliven, Kräuter (Thymian), getragen von einer steinigen Mineralität, Lakritz und reife, saftige, schwarze Früchte. Wow!

Im Gaumen kühl und lang, aber nicht wirklich fett oder satt machend. Auch hier verbranntes Fleisch, Lakritz, reife Blaubeeren und Oliven. Der Nachhall ist sehr lang mit einer leicht bitter-süßen Note, steinig und etwas salzig, erinnernd an Lakritzpastillen. Enorme Tiefe und dennoch super Finessenreich! Der Spagat zwischen Eleganz, Wildheit und Konzentration, ja irgendwie männlich-elegant und kraftvoll. Das Tannin ist zwar immer noch vordergründig spürbar, aber nicht zu stark.

Dieser Hermitage war definitiv ein genialer Begleiter zu einem guten dry aged T-Bone-Steak. Er hat sicherlich noch mindestens 10-15 Jahre Potential zur weiteren Reife. Ein super komprimierter Wein, der dennoch nicht sattmachend ist. Fast schon ein großer Rotwein? Auf jeden Fall ist ihm schwer zu widerstehen.

Bitte mindestens 3 Stunden vor Genuss karaffieren, damit sich das volle Bouquet entfalten kann!

Den 2011er Hermitage gibt es aktuell im Weihnachtsangebot bei vinatis.de für ca. 38,-€, was ein sehr guter Preis für diesen Wein von Guigal ist:

»Domaine E. Guigal Hermitage 2011«

»Aux Lieux-Dits Gigondas«, Domaine Santa Duc, Rhône, 2013, 14%, ca. 20€

Der letzte Wein, den ich für die Fest- und Feiertage empfehlen möchte, kommt von der Südrhône, genauer gesagt von einem der »Crus« der südlichen Rhône, aus »Gigondas« und keinem geringeren als Yves Gras und der Domaine Santa Duc. Inzwischen ist auch Benjamin Gras, ein Sohn von Yves mit für die Weine verantwortlich. Bereits in der 6. Generation werden hier rund 30ha Weinberge biologisch von der Familie Gras in Gigondas bewirtschaftet.

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Yves Gras am Fuße des „Dentelles de Montmirail“

In Gigondas spielt die Rebsorte Grenache die erste Geige, die diese Cuvée zu 75% ausmacht, ergänzt durch 10% Syrah, 13% Mourvèdre und 2% Cinsault von ca. 40 Jahre alten Weinstöcken. »Aux lieux-dits« bedeutet „von verschiedenen Ortschaften“. Und so stammen die Trauben für diesen Wein aus 8 verschiedenen Ortschaften in der Region Gigondas, ausgebaut im großen Holzfass.AuxLieuxDits2014

Wie zu erwarten eine kräftige, ebenso ins schwarz gehende Farbe und direkt nach dem Öffnen leicht verhalten mit schwarzen und roten Waldbeeren, vor allem Johannisbeeren und einer schönen Würzigkeit.

Nach ca. 4 Stunden an der Luft richtig da, aber wie: Cassis, Menthol, Lakritz, Kräuter und sehr steinig. Im Mund nachhaltig und lang, aber nicht schwer, sondern richtig trinkfreudig (trotz der 14% Alkohol). Der Wein füllt alles im Mund aus und zieht sich kühl und immer kräftiger aufbauend am Gaumen entlang. Mittelkräftige und leicht mehlige Tannine lassen ihn etwas archaisch anmuten und dennoch auf einer feinen Minzenote ausklingen.

Für mich ein Wein erschaffen zu Wildgerichten, vor allem aber auch geschmorten Gerichten. Wie den Hermitage gibt es aktuell auch den Gigondas bei vinatis.de im Weihnachtsangebot für ca. 21,-€:

»Domaine Santa Duc Aux Lieux-Dits Gigondas 2013«

Joyeux Noël!

Gold aus dem Jura

Ausgefallene, kleine und etwas ins Hintertreffen geratene Weinbauregionen der Welt erleben aktuell eine echte Renaissance. Dazu gehört auch die kleine französische Weinregion »Jura« mit ihren lediglich 2000 ha Anbaufläche. Es ist eines der ältesten Weinanbaugebiete von Frankreich. Nicht ganz unschuldig an dem Revival der Weine des Jura wird das im Jahr 2014 erschiene Buch „Jura Wine“ der britischen Weinjournalistin Wink Lorch sein. Ein weiteres Buch mit dem Titel „Wines of the French Alps“ soll nächstes Jahr erscheinen.

Geografisch äußerst interessant zwischen Burgund und französischen bzw. schweizer Alpen (Juragebirge) gelegen, und durch die Reblauskatastrophe Ende des 19. Jhds. auf heute 1/10 der Anbaufläche dezimiert. Wie der Name schon andeutet prägt hier Jurakalk – ähnlich wie in Burgund – die Böden. Trotz der Herausforderungen in der Vergangenheit hat sich das Jura weiterhin kontinuierlich an ihren alten Traditionen orientiert. Dazu gehört auch der »Vin Jaune« (gelber Wein).

vin-jaune-2010-domaine-badozVin Jaune ist ein echtes Unikat aus der französischen Weinregion Jura und dem Otto Normalverbraucher in Deutschland nicht bekannt. Dies hat sicher auch mit der urfranzösischen Natur dieser Rarität zu tun, die nur ca. 5% der gesamten Produktion im Jura ausmacht. Er wird ausschließlich aus der Rebsorte Savagnin gekeltert, die außer in der Schweiz kaum noch irgendwo anzutreffen ist.

Der Wein wird oxidativ ausgebaut und muss mindestens 6 Jahre (!) im Fass reifen, bevor er auf den Markt kommen darf. Zumeist tut er dies in alten burgundischen Fässern, die von Beginn an nicht gänzlich gefüllt werden. Die Besonderheit dabei ist, dass er eben nicht wie z.B. bei einem Sherry, aufgesprittet wird, sondern unter seiner eigenen und natürlichen Florhefeschicht (franz. voile = Schleier), die eine Art Schutzfilm bildet, vor weiterer Oxidation geschützt ist. Der Inhalt der Fässer reduziert sich über die Jahre um bis zu 20-40%. Vielleicht wird er aus diesem Grund in der besonderen Flaschenform (»Clavelin«) mit einem Füllinhalt von 0,62 ml abgefüllt. Ein guter Vin Jaune kann länger als ein Menschenleben andauert gelagert werden!

„Vin Jaune“, Domaine Badoz, Côtes de Jura, 2010, 14,5%, ca. 30€

domaine-badoz-galerie-05Die Trauben für den Vin Jaune der Domaine Badoz kommen aus dem Herzen des Juragebietes um die Stadt Poligny, der Côtes de Jura. Tradition ist hier das Stichwort, denn hier wird bereits in der zehnten Generation Weinbau betrieben (seit 1659!).

Bevor Benoît Badoz im Jahre 2003 die Verantwortung für die Domaine übernahm, sammelte er zuvor Erfahrung bei Carillon in Burgund (Puligny-Montrachet) und in Bordeaux bei Château Pétrus (!) in Pomerol.

Der Vin Jaune der Domaine Badoz hat eine irre kräftige, ja tief goldene, fast schon bernsteinfarbene Robe. Direkt nach dem Karaffieren zeigt er eine sehr strenge und auch etwas alkoholische Sherrynase, Noten von Curry und Nüssen. Der Wein erinnert tatsächlich sofort an Sherry ohne ein Sherry zu sein.

Erst nach mehreren Stunden in der Karaffe beginnt sich der Stoff zu harmonisieren. Witziger Weise wird der Wein immer „frischer“. Er offeriert ein total irres Bouquet: Gewürze (Curry und Senf), Walnüsse, Honig, überreifer Apfel, aber auch knackig grüner Apfel, getrocknete Früchte wie Rosinen und auch Karamell.

Dann der erste Schluck. Verunsicherung. Im Gaumen ist der Wein ganz anders, als man ihn sich vorgestellt hat: Eine wahnsinns präzise, fast schon läserstrahlartige Säure. Auch hier Noten von grünem Apfel, Curry, anderen Gewürzen und Nüssen. Irrer Stoff! Anfänger oder unerfahrene Weintrinker wird dieser Wein zunächst verstören. Sie werden ihn nicht „verstehen“, auch wenn sich über Geschmack streiten lässt. Ein Wein für Freaks!

Nach 1-2 Tagen an der Luft wird der Wein immer weicher. Er zieht sich schlank und etwas sauer am Gaumen hinunter und endet dennoch in einem unendlich langen salzigen Abgang. Man sollte den Vin Jaune nicht zu kalt trinken, irgendwo zwischen Weiß- und Rotweintemperatur (15C°). Tut euch einen Gefallen und karaffiert den Wein mindestens 2 Stunden vor Genuss.

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Reben der Domaine Badoz

Kulinarisch total genial zu unterschiedlichsten Gerichten einsetzbar. Wir hatten ihn zuerst mit Kalbsfleisch und an einem anderen Tag mit indischer Linsensuppe, was beides sehr gut ging. Klassisch wäre Huhn bzw. ein Hahn mit Morcheln („Coq au vin jaune et morilles“), der in Vin Jaune gegart wurde. Man sagt so schön: „Das bestmögliche Ende für einen Hahn (bzw. ein Huhn).“.

Wie sehr in der Familie Badoz Essen und Wein miteinander verwoben sind, wird auch daran deutlich, dass sie eine eigene Fromagerie (Käsegeschäft) in Poligny betreiben und, wenn ich mich nicht täusche, ihr Käse bereits seit 1830 sogar aus eigener Produktion kommt (www.fromagerie-badoz.com). Ihr Wein, vor allem der Vin Jaune, ist mit ziemlicher Sicherheit ein exzellenter Begleiter des einheimischen Comté.

Dem langen Ausbau entsprechend sind diese speziellen Essenzen nicht unbedingt „günstig“. Schnell liegt bei einem Vin Jaune bei 50,-€ die Clavelin-Flasche. Der Vin Jaune der Domaine Badoz ist mit seinen 30 Euronen ein sehr gutes Preis-Genuss-Verhältnis! Man kann ihn in Deutschland, soweit ich weiß, bisher ausschließlich bei vinatis.de kaufen:

»Domaine Badoz Vin Jaune 2010«

 

Morgon 2016 von Mathieu & Camille Lapierre

Das Beaujolais ist nicht unbedingt die Weinregion, die sehr bekannt in Deutschland ist. Im Gegenteil, viele werden nicht einmal genau wissen, wo diese Weinregion in Frankreich genau liegt (nördlich von Lyon). Nach Johnson und Robinson zählt das Beaujolais zur Region Burgund, wobei sich die Weine hinsichtlich Weinbereitung und Rebsorte doch deutlich vom restlichen Burgund unterscheiden (können). Statt Pinot Noir (nördliches Burgund), spielt hier die Rebsorte Gamay die Hauptrolle, die im 15. Jhd. von Philipp dem Kühnen aus dem Norden verbannt wurde.

Auch wenn sich Rebsorte und Weinbereitung oft sehr unterscheiden, muss man zugeben, dass die besten Beaujolais-Weine in Sachen Preis-Genuss-Verhältniss so manchem teurem Burgunder den Rang ablaufen und ihnen auch sehr ähneln können.

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Camille & Mathieu Lapierre

Hinzu kommt jedoch, dass diese Region durch einen gewissen Weinstil – den Beaujolais Nouveau – seit Ende der 70ger bzw. Beginn der 80ger Jahre nicht unbedingt durch qualitative Weine hervorstach.

Gott sei Dank ist es heute nicht mehr ganz so schlecht um das Beaujolais bestellt. Die Produktion von hochwertigen, qualitativen Weinen ist deutlich gestiegen. Weltweit werden in der gehobeneren Gastronomie wieder mehr Weine aus dem Beaujolais getrunken. Auch Weintrinker bevorzugen wieder einen leichteren Weinstil und keine sirupartigen Essenzen, die man nach einen Glas nicht mehr trinken kann.

Nicht unwesentlich dazu beigetragen haben Winzer wie Marcel Lapierre, der mit Namen wie Jean Foillard ein Vorreiter der Naturweinszene („vin naturel“ oder „vin nature“) war. Leider ist Marcel Lapierre im Herbst 2010 verstorben. Man darf jedoch deutlich sagen, dass seine Kinder, Camille und Mathieu Lapierre, das Weingut mit hoher Qualität und gleicher Philosophie weiterführen. Das heißt: Macération semi-carbonique (halbe Kohlensäuremaischegärung), Spontangärung, geringe Schwefelung der Weine, keine Chaptalisierung (keine Aufzuckerung des Mostes, was weit verbreitet im Beaujolais wie im Burgund ist), behutsamer Ausbau im großen und kleinen Holzfass und keine Filtration, der auf die Flasche gezogenen Weine. Bewirtschaftet werden inzwischen ca. 16 ha Weinberge auf zertifizierte, biologische Art und Weise.

„Morgon“, M. & C. Lapierre, Beaujolais, 2016, 13%, ca. 20€

Der Wein, den ich heute vorstelle, ist so etwas wie eine Visitenkarte für das Beaujolais geworden, denn Marcel Lapierre war eine Beaujolais-Ikone. Er stammt von einem der 10 Crus des Beaujolais, Morgon. Morgon ist der zweitgrößte Cru des Beaujolais. Er verfügt über sehr interessante Bodenformationen, manganreichen Schieferböden. Die Weine aus dem Cru Morgon haben Substanz und eine gewisse Fleischigkeit. So auch der Cru von Lapierre. Die Rebstöcke sind durchschnittlich 60 Jahre alt!

domaine-marcel-lapierre-morgon-2016.jpgDer Wein besitzt eine wunderschöne und ansprechende Farbe. Man sieht sofort, dass er nicht filtriert ist. Dunkel-Lila und dennoch durschschaubar, etwas himbeer- oder granatfarben. Sehr ansprechend.

Obwohl der Wein noch sehr sehr jung ist, ist die Nase nach dem karaffieren sofort relativ offen: zu Beginn Himbeeren, sehr saftig und etwas Lakritz. Sehr einladend. Später Hagebutte, rote Waldbeeren und Gewürze. Dann auch Kirschen, Veilchen, kandierte Pralinen, Fruchtsaft. Meine Frau erinnerte der Wein an Weihnachten. „Weihnachten“ beschreibt es nach 1-2 Tagen an der Luft sehr gut.

Der Wein besitzt einen wunderbaren Trinkfluss und ein unheimlich charmantes Mundgefühl: Weich, saftig, samtiges Tannin und genügend Säure. Irgendwie schlank ohne richtig schlank zu sein. Erstaunlich langer Abgang.

Der Wein ist meiner Meinung nach äußerst vielfältig zu verschiedenen Gerichten einsetzbar. Dies passt dann sehr gut zu Mathieu Lapierres ehemaligen Beruf als Koch. Bei vinatis.de kann man sich dann auch gleich eine Magnum oder eine Doppelmagnum zulegen. Leer werden die auf jeden Fall…

»M. & C. Lapierre Morgon 2016«

»M. & C. Lapierre Morgon 2016 Magnum«

»M. & C. Lapierre Morgon 2016 Doppelmagnum / Jeroboam«