Gold aus dem Jura

Ausgefallene, kleine und etwas ins Hintertreffen geratene Weinbauregionen der Welt erleben aktuell eine echte Renaissance. Dazu gehört auch die kleine französische Weinregion »Jura« mit ihren lediglich 2000 ha Anbaufläche. Es ist eines der ältesten Weinanbaugebiete von Frankreich. Nicht ganz unschuldig an dem Revival der Weine des Jura wird das im Jahr 2014 erschiene Buch „Jura Wine“ der britischen Weinjournalistin Wink Lorch sein. Ein weiteres Buch mit dem Titel „Wines of the French Alps“ soll nächstes Jahr erscheinen.

Geografisch äußerst interessant zwischen Burgund und französischen bzw. schweizer Alpen (Juragebirge) gelegen, und durch die Reblauskatastrophe Ende des 19. Jhds. auf heute 1/10 der Anbaufläche dezimiert. Wie der Name schon andeutet prägt hier Jurakalk – ähnlich wie in Burgund – die Böden. Trotz der Herausforderungen in der Vergangenheit hat sich das Jura weiterhin kontinuierlich an ihren alten Traditionen orientiert. Dazu gehört auch der »Vin Jaune« (gelber Wein).

vin-jaune-2010-domaine-badozVin Jaune ist ein echtes Unikat aus der französischen Weinregion Jura und dem Otto Normalverbraucher in Deutschland nicht bekannt. Dies hat sicher auch mit der urfranzösischen Natur dieser Rarität zu tun, die nur ca. 5% der gesamten Produktion im Jura ausmacht. Er wird ausschließlich aus der Rebsorte Savagnin gekeltert, die außer in der Schweiz kaum noch irgendwo anzutreffen ist.

Der Wein wird oxidativ ausgebaut und muss mindestens 6 Jahre (!) im Fass reifen, bevor er auf den Markt kommen darf. Zumeist tut er dies in alten burgundischen Fässern, die von Beginn an nicht gänzlich gefüllt werden. Die Besonderheit dabei ist, dass er eben nicht wie z.B. bei einem Sherry, aufgesprittet wird, sondern unter seiner eigenen und natürlichen Florhefeschicht (franz. voile = Schleier), die eine Art Schutzfilm bildet, vor weiterer Oxidation geschützt ist. Der Inhalt der Fässer reduziert sich über die Jahre um bis zu 20-40%. Vielleicht wird er aus diesem Grund in der besonderen Flaschenform (»Clavelin«) mit einem Füllinhalt von 0,62 ml abgefüllt. Ein guter Vin Jaune kann länger als ein Menschenleben andauert gelagert werden!

„Vin Jaune“, Domaine Badoz, Côtes de Jura, 2010, 14,5%, ca. 30€

domaine-badoz-galerie-05Die Trauben für den Vin Jaune der Domaine Badoz kommen aus dem Herzen des Juragebietes um die Stadt Poligny, der Côtes de Jura. Tradition ist hier das Stichwort, denn hier wird bereits in der zehnten Generation Weinbau betrieben (seit 1659!).

Bevor Benoît Badoz im Jahre 2003 die Verantwortung für die Domaine übernahm, sammelte er zuvor Erfahrung bei Carillon in Burgund (Puligny-Montrachet) und in Bordeaux bei Château Pétrus (!) in Pomerol.

Der Vin Jaune der Domaine Badoz hat eine irre kräftige, ja tief goldene, fast schon bernsteinfarbene Robe. Direkt nach dem Karaffieren zeigt er eine sehr strenge und auch etwas alkoholische Sherrynase, Noten von Curry und Nüssen. Der Wein erinnert tatsächlich sofort an Sherry ohne ein Sherry zu sein.

Erst nach mehreren Stunden in der Karaffe beginnt sich der Stoff zu harmonisieren. Witziger Weise wird der Wein immer „frischer“. Er offeriert ein total irres Bouquet: Gewürze (Curry und Senf), Walnüsse, Honig, überreifer Apfel, aber auch knackig grüner Apfel, getrocknete Früchte wie Rosinen und auch Karamell.

Dann der erste Schluck. Verunsicherung. Im Gaumen ist der Wein ganz anders, als man ihn sich vorgestellt hat: Eine wahnsinns präzise, fast schon läserstrahlartige Säure. Auch hier Noten von grünem Apfel, Curry, anderen Gewürzen und Nüssen. Irrer Stoff! Anfänger oder unerfahrene Weintrinker wird dieser Wein zunächst verstören. Sie werden ihn nicht „verstehen“, auch wenn sich über Geschmack streiten lässt. Ein Wein für Freaks!

Nach 1-2 Tagen an der Luft wird der Wein immer weicher. Er zieht sich schlank und etwas sauer am Gaumen hinunter und endet dennoch in einem unendlich langen salzigen Abgang. Man sollte den Vin Jaune nicht zu kalt trinken, irgendwo zwischen Weiß- und Rotweintemperatur (15C°). Tut euch einen Gefallen und karaffiert den Wein mindestens 2 Stunden vor Genuss.

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Reben der Domaine Badoz

Kulinarisch total genial zu unterschiedlichsten Gerichten einsetzbar. Wir hatten ihn zuerst mit Kalbsfleisch und an einem anderen Tag mit indischer Linsensuppe, was beides sehr gut ging. Klassisch wäre Huhn bzw. ein Hahn mit Morcheln („Coq au vin jaune et morilles“), der in Vin Jaune gegart wurde. Man sagt so schön: „Das bestmögliche Ende für einen Hahn (bzw. ein Huhn).“.

Wie sehr in der Familie Badoz Essen und Wein miteinander verwoben sind, wird auch daran deutlich, dass sie eine eigene Fromagerie (Käsegeschäft) in Poligny betreiben und, wenn ich mich nicht täusche, ihr Käse bereits seit 1830 sogar aus eigener Produktion kommt (www.fromagerie-badoz.com). Ihr Wein, vor allem der Vin Jaune, ist mit ziemlicher Sicherheit ein exzellenter Begleiter des einheimischen Comté.

Dem langen Ausbau entsprechend sind diese speziellen Essenzen nicht unbedingt „günstig“. Schnell liegt bei einem Vin Jaune bei 50,-€ die Clavelin-Flasche. Der Vin Jaune der Domaine Badoz ist mit seinen 30 Euronen ein sehr gutes Preis-Genuss-Verhältnis! Man kann ihn in Deutschland, soweit ich weiß, bisher ausschließlich bei vinatis.de kaufen:

»Domaine Badoz Vin Jaune 2010«

 

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Morgon 2016 von Mathieu & Camille Lapierre

Das Beaujolais ist nicht unbedingt die Weinregion, die sehr bekannt in Deutschland ist. Im Gegenteil, viele werden nicht einmal genau wissen, wo diese Weinregion in Frankreich genau liegt (nördlich von Lyon). Nach Johnson und Robinson zählt das Beaujolais zur Region Burgund, wobei sich die Weine hinsichtlich Weinbereitung und Rebsorte doch deutlich vom restlichen Burgund unterscheiden (können). Statt Pinot Noir (nördliches Burgund), spielt hier die Rebsorte Gamay die Hauptrolle, die im 15. Jhd. von Philipp dem Kühnen aus dem Norden verbannt wurde.

Auch wenn sich Rebsorte und Weinbereitung oft sehr unterscheiden, muss man zugeben, dass die besten Beaujolais-Weine in Sachen Preis-Genuss-Verhältniss so manchem teurem Burgunder den Rang ablaufen und ihnen auch sehr ähneln können.

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Camille & Mathieu Lapierre

Hinzu kommt jedoch, dass diese Region durch einen gewissen Weinstil – den Beaujolais Nouveau – seit Ende der 70ger bzw. Beginn der 80ger Jahre nicht unbedingt durch qualitative Weine hervorstach.

Gott sei Dank ist es heute nicht mehr ganz so schlecht um das Beaujolais bestellt. Die Produktion von hochwertigen, qualitativen Weinen ist deutlich gestiegen. Weltweit werden in der gehobeneren Gastronomie wieder mehr Weine aus dem Beaujolais getrunken. Auch Weintrinker bevorzugen wieder einen leichteren Weinstil und keine sirupartigen Essenzen, die man nach einen Glas nicht mehr trinken kann.

Nicht unwesentlich dazu beigetragen haben Winzer wie Marcel Lapierre, der mit Namen wie Jean Foillard ein Vorreiter der Naturweinszene („vin naturel“ oder „vin nature“) war. Leider ist Marcel Lapierre im Herbst 2010 verstorben. Man darf jedoch deutlich sagen, dass seine Kinder, Camille und Mathieu Lapierre, das Weingut mit hoher Qualität und gleicher Philosophie weiterführen. Das heißt: Macération semi-carbonique (halbe Kohlensäuremaischegärung), Spontangärung, geringe Schwefelung der Weine, keine Chaptalisierung (keine Aufzuckerung des Mostes, was weit verbreitet im Beaujolais wie im Burgund ist), behutsamer Ausbau im großen und kleinen Holzfass und keine Filtration, der auf die Flasche gezogenen Weine. Bewirtschaftet werden inzwischen ca. 16 ha Weinberge auf zertifizierte, biologische Art und Weise.

„Morgon“, M. & C. Lapierre, Beaujolais, 2016, 13%, ca. 20€

Der Wein, den ich heute vorstelle, ist so etwas wie eine Visitenkarte für das Beaujolais geworden, denn Marcel Lapierre war eine Beaujolais-Ikone. Er stammt von einem der 10 Crus des Beaujolais, Morgon. Morgon ist der zweitgrößte Cru des Beaujolais. Er verfügt über sehr interessante Bodenformationen, manganreichen Schieferböden. Die Weine aus dem Cru Morgon haben Substanz und eine gewisse Fleischigkeit. So auch der Cru von Lapierre. Die Rebstöcke sind durchschnittlich 60 Jahre alt!

domaine-marcel-lapierre-morgon-2016.jpgDer Wein besitzt eine wunderschöne und ansprechende Farbe. Man sieht sofort, dass er nicht filtriert ist. Dunkel-Lila und dennoch durschschaubar, etwas himbeer- oder granatfarben. Sehr ansprechend.

Obwohl der Wein noch sehr sehr jung ist, ist die Nase nach dem karaffieren sofort relativ offen: zu Beginn Himbeeren, sehr saftig und etwas Lakritz. Sehr einladend. Später Hagebutte, rote Waldbeeren und Gewürze. Dann auch Kirschen, Veilchen, kandierte Pralinen, Fruchtsaft. Meine Frau erinnerte der Wein an Weihnachten. „Weihnachten“ beschreibt es nach 1-2 Tagen an der Luft sehr gut.

Der Wein besitzt einen wunderbaren Trinkfluss und ein unheimlich charmantes Mundgefühl: Weich, saftig, samtiges Tannin und genügend Säure. Irgendwie schlank ohne richtig schlank zu sein. Erstaunlich langer Abgang.

Der Wein ist meiner Meinung nach äußerst vielfältig zu verschiedenen Gerichten einsetzbar. Dies passt dann sehr gut zu Mathieu Lapierres ehemaligen Beruf als Koch. Bei vinatis.de kann man sich dann auch gleich eine Magnum oder eine Doppelmagnum zulegen. Leer werden die auf jeden Fall…

»M. & C. Lapierre Morgon 2016«

»M. & C. Lapierre Morgon 2016 Magnum«

»M. & C. Lapierre Morgon 2016 Doppelmagnum / Jeroboam«

In Memoriam Stéphane Moreau (Chablis)

Letztes Jahr ist der französische Winzer Stéphane Moreau leider viel zu jung mit 47 Jahren unerwartet verstorben. Stéphane war ein Winzer-Jünger von Didier Dagueneau † (Loire) and Vincent Dauvissat (Chablis). Wer die beiden letzten Namen kennt, weiß, dass dies Koriphäen in der aktuellen Geschichte des französischen Weinbaus waren bzw. sind. Den Betrieb führt aktuell die Witwe von Stéphane, Virgine, in Zusammenarbeit mit Stéphanes ehemaligen „Assistenz“-Winzer fort.

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Stéphane Moreau †

Die Domaine Moreau-Naudet ist eine der wenigen Weingüter, die mit ihrem Anwesen direkt in der kleinen Altstadt von Chablis verwurzelt ist. Stéphane arbeitete aus Überzeugung ohne den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden, was in Chablis überhaupt nicht selbstverständlich ist. Manuelle Ernte, akribische Arbeit vor der Gärung auf Sortiertischen, Spontangärung (keine Reinzuchthefen) und nur eine minimale Filtration der Weine waren sein Standard.

Im Andenken an Stéphane möchte ich seinen kleinsten Wein vorstellen und dazu einladen, die Weine aus seiner Schaffenszeit – die aktuell noch verfügbar sind – zu kaufen. Ja, zu kaufen! Warum?

„Petit Chablis“, Moreau-Naudet, (Petit) Chablis, 2014, 12,5%, ca. 14,00€

Schon sein einfacher »Petit Chablis« („kleiner Chablis“) ist eine Klasse für sich! »Petit« ist er auf gar keinen Fall… im Gegenteil, es ist der beste Petit Chablis, den ich bisher im Glas hatte. Wer die Basisweine in Chablis kennt, weiß, dass es frustrierend einfache Weine in der Klasse »Petit Chablis« oder »Chablis« gibt. Stéphanes Weine sind im Gegensatz dazu eine Wohltat für die geschundenen Chablis-Sinne.

Der Kleine hat eine mittelkräftige bis blasse strohfarbene Farbe. In der Nase nasser Stein, Zitrone, Kalk, Salz, dezente Butter, Zitronenzeste, Popcorn, etwas Heu, Nüsse, Blüten, Feuerstein und grüner Apfel. Ein total klarer und präziser Wein, der einfach Spaß macht.

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Im Mund ebenso präzise und kristallin mit straffer Säure. Auch hier viel Zitrus und Mineralität. Ein Wein mit vibrierender Substanz und energetischer Spannung, der am zweiten Tag noch besser war. Ein Petit Chablis? – Nicht wirklich!

Den Jahrgang 2014 hat Stéphane perfekt auf die Flasche gebracht. Ich vermute, dass dieser Wein richtig gut reifen kann, wie lange ist jedoch schwierig zu sagen.

Definitiv ein genialer Wein für Meeresfrüchte. Wir jedoch – um hier aus dem Rahmen zu fallen – hatten den Wein zu einer „unechten“ italienischen Carbonara (will heißen mit Sahne). Der Stoff schnitt mit seiner präzisen Säure wie eine Messer durch die Soße der Carbonara, den Speck und den Käse.

Der Jahrgang 2015 war der letzte Jahrgang aus Stéphane Moreaus Händen. Seine Weine wird es so nie wieder geben. Bei vinatis.de gibt es aktuell noch drei Weine aus seiner Schaffenszeit, u.a. auch noch einen »Grand Cru« (Valmur). Sein bekannter »1er Cru Forêts« ist leider schon vergriffen. Großartige Weine, die auch reifen können. Chapeau Stéphane Moreau! Hier kann man die Weine kaufen:

»Domaine Moreau-Naudet Petit Chablis 2014«

»Domaine Moreau-Naudet 1er Cru Vaillons 2015«

»Domaine Moreau-Naudet Grand Cru Valmur 2015«

Besuch beim Weingut Salwey

Am Tag der Deutschen Einheit (03.10.17) hatte das Weingut Salwey (www.salwey.de) ihre Probierstube geöffnet. Eine gute Gelegenheit den freien Tag gemeinsam mit meiner Familie und Freunden zu nutzen, um meiner Weinleidenschaft nachzukommen, einen schönen Herbstspaziergang im Kaiserstuhl zu machen und später in einer Straussenwirtschaft zu Abend zu essen.

Das Weingut Salwey, gelegen in Oberrotweil im Kaiserstuhl, zählt für mich persönlich aktuell mit Huber und Ziereisen zu den drei Top-Weingütern im südbadischen Raum.imag2021.jpg Nicht umsonst hat das Magazin Falstaff das Weingut Salwey 2017 zum „Winzer des Jahres“ gekührt. Auch wenn ich mich in der Verkostung lediglich auf die gehobeneren Gewächse konzentriert habe (RS & GG), muss ich zugeben, dass die Qualität und Feinheit von Konrad Salweys Weinen in den letzten Jahren nochmal gestiegen ist.

Die Gutsweine habe ich aus Zeitgründen übersprungen. Aber, wie ich aus der Vergangenheit noch weiß, liefert Salwey selbst bei seinem einfachen Literspätburgunder schon sehr ordentliche Qualität. Zu erwähnen ist hier auch der hocharomatische Muskateller, eine Sorte, die man eher selten am Kaiserstuhl antrifft, die aber durchaus noch immer in der Gegend verwurzelt ist.

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Blick Richtung Vogesen und Frankreich

Leider waren die Weissburgunder in der RS und GG-Linie schon alle ausverkauft, so dass nur noch Grauburgunder und Spätburgunder vorhanden waren. Gott sei Dank sind Salwey Grauburgunder alles andere als typisch für den Kaiserstuhl. Alle Weine der RS und GG-Linie – ob weiß oder rot – kommen mit sehr niedrigen Alkoholgehalten von 12-12,5% daher. Sehr untypisch für eine der wärmsten Regionen Deutschlands. Salwey erntet bewusst früh, um vor allem auch die Säure zu haben, die vielen kaiserstühler Weinen fehlt. Besonders positiv überrascht haben mich seine exzellenten Spätburgunder aus dem Jahrgang 2014.

Grauburgunder, RS, 2015, 12,5%: sehr frische Nase mit Noten von Birne und Apfel, frische knackige Säure, trinkig, schlank, noch sehr jung

Grauburgunder, GG Henkenberg, 2014, 12%: deutlich reifere Nase als der RS, dennoch schön schlank mit gut eingebundener Säure

Grauburgunder, GG Eichberg, 2014, 12%: deutlich mineralischere Nase als der Henkenberg und der RS, etwas dezentes Karamell, salzig, frisch und straff, das größte Lagerpotential, der beste Grauburgunder des Kaiserstuhls?

Spätburgunder, RS, 2014, 12,5%: man sieht sofort 2014 wurden die Weine nicht filtriert, hammer Nase (!), sehr fein und elegant, süße Kirsche (nicht gekocht) und Gewürze, feine kleine Waldbeeren, mittelkräftiges Tannin und schöne Säure im Mund, der 2014er RS ist einer der besten Spätburgunder aus Deutschland im Preissegment 10-20€, die ich bisher im Glas hatte, Reifepotential ist da

Spätburgunder, GG Henkenberg, 2014, 12,5%: Nase deutlich zurückhaltender als beim RS, braucht noch Zeit, viel subtiler als der RS, mineralisch-würziger Geschmack

Spätburgunder, GG Eichberg, 2014, 12,5%: mineralischer als der RS und der GG Henkenberg, eine Mischung aus RS und GG Henkenberg, sehr verspielt zwischen Würze und süßer rot-schwarzer Frucht (eher rot), aber deutlich mehr Rückrat, gutes Lagerpotential

Kristalliner Bergwein von Ermes Pavese

Etwas mehr als ein Jahr sind seit meinem letzten Blogpost vergangen – eine lange Zeit – fühlt sich allerdings nicht so an. Mein Sohn ist ungefähr genauso alt. In dieser Zeit habe ich einige gute Weine trinken dürfen und hätte auch gerne darüber geschrieben, aber die Prioritäten waren einfach andere.

Nach längerer Pause ist dieser Blog ab jetzt aus der Elternzeit zurück. Ein neues Outfit habe ich ihm verpasst, wesentlich klarer und lesbarer wie ich finde. Eine gute Grundlage, um wieder häufiger über Wein zu schreiben. Damit sind wir beim Thema:

„Blanc de Morgex et de la Salle“, Ermes Pavese, Vallée d’Aoste, 2014, 12%, ca. 13,00€

Schon irgendwie ein Wein für Freaks. Sieht man schon an der eigenartigen Flasche und an dem noch viel eigenartigerem Etikett. Schwer zu bekommen ist das Zeug. Das Meiste davon wird nämlich vor Ort getrunken und findet den Weg in den Export erst gar nicht. blanc-de-morgex__prodottiCa. 35.000 Flaschen produziert Ermes Pavese jährlich von diesem Wein. Es ist damit definitiv sein wichtigster Wein.

Ermes Pavese (www.ermespavese.it), der das Weingut erst im Jahr 1999 gegründet hat, bewirtschaftet lediglich 3ha Weinberge (vielleicht inzwischen etwas mehr) in Morgex und Umgebung. Das Wort „WeinBERGE“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Denn Morgex befindet sich am äußersten Ende des Aostatals nahe der französischen und schweizerischen Grenze, direkt vor dem höchsten Berg der Alpen, dem Mont Blanc. Die Reben von Ermes stehen auf einer Höhe von 900-1200 Metern über dem Meeresspiegel. Ein echter Bergwein also!

Unbenannt

Die einzige Rebsorte, die bei ihm eine Rolle spielt, ist die autochthone Rebsorte Prié Blanc. Eine weiße Sorte, die man inzwischen fast ausschließlich in der kleinsten italienischen Weinregion, dem Vallée d’Aoste findet. Sie treibt spät aus und wird früh reif, was logischer Weise ideal für die klimatischen Bedingungen in den Bergen ist. Die Reben in dieser Region sind noch immer wurzelecht, d.h. sie waren nie von der Reblauskatastrophe im 19. und 20. Jhd. betroffen. Erzogen wird sie an niedrigen Pergolen, die möglichst bodenah sind, um so die im Boden gespeicherte Sonnenwärme des Tages auch bei Nacht an die Trauben abzugeben und sie so vor sehr kalten Nächten zu schützen.

Wie man sich vorstellen kann,  war und ist die Bewirtschaftung dieser Rebanlagen keine einfache Aufgabe, so dass Mitte des 20. Jhds. Pfarrer Abbé Alexandre Bougeat eine Initiative zur Rettung der Weinberge gründen musste, damit der Weinbau in der Region nicht gänzlich aufgegeben wurde. Er hatte Erfolg. Seit 1985 darf sich der „Blanc de Morgex et de la Salle“ mit einem DOC-Siegel schmücken. Insgesamt sind in dieser DOC lediglich 29ha mit Prié Blanc bestockt.

Der Wein hat farblich eher ein helleres Strohgelb. Die erste Nase ist super präzise und klar! Sehr mineralischer Stoff wie ich finde, kristallklar wie Gletscherwasser, eine echte „Laser“-Nase. Ich finde hier säurehaltige Zitrusfrüchte, aber auch dezente Noten von tropischen Früchten, die weit im Hintergrund mitschwingen, Salz und Kalk. Mich erinnert der Wein an Riesling von Kalkböden oder Chardonnay aus Burgund.

Aktuell weiß ich nicht einmal, ob man den Wein überhaupt in Deutschland kaufen kann. Wer irgendwo Flaschen aufschnappen kann, sollte sich eindecken!

DER Guts-Riesling?

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Lecker lecker!

Guts-Riesling – also der Einstiegswein – vom Weingut Wittmann aus Rheinhessen, genauer gesagt Westhofen:

„Riesling“, Weingut Wittmann, 12,5%, 2014, ca. 10€

Schlimmes Etikett, auch farblich, aber er ist fast unverkennbar in der Nase: Mineralität (Salz, Kalk – auch wenn man das vermeintlich nicht riechen kann), kristallklar in der Nase untermalt von Frucht: verdeckte Mango, verdeckter Pfirsich, Zitrus (!), Vanille – das alles in sich fein verwoben. Große Klasse für einen 10€-Riesling.

Im Mund zupackend zitrusfrisch und je nach Jahrgang mit laserstrahlartiger Säure (ich erinnere mich noch sehr gut an den Jahrgang 2012). Fließt einfach runter der Stoff. Ebenso je nach Jahrgang mal länger anhaltend im Nachklang, mal kürzer, grundsätzlich aber für die Preiskategorie eine Klasse für sich.

Für mich ein „must-buy“ (6 Flaschen) in einem passenden Jahr! Für das Jahr 2014 kann man jetzt entspannt eine Kiste kaufen.

Das erste Mal Meursault

Ich bin am 17.08.2016 Vater geworden. Um das gebührend zu feiern, habe ich was schönes für meine Frau und mich gekocht (Jakobsmuscheln mit gerösteten Tomaten, weißem Bohnenbrei, Prosciutto und Rucola) und einen besonderen Wein aufgemacht: einen Meursault. Dazu gleich vorweg: einer der größten Weißweine, die ich bisher getrunken habe. Leider nicht ganz billig.

Antoine Jobard Meursault
Antoine Jobard Meursault

„Meursault“, Antoine Jobard, 2011, 13%, ca. 55€

Meursault ist eine Stadt im Burgund und befindet sich an der Côte d’Or („Goldküste“), genauer gesagt der Côte de Beaune (etwa: „gute Küste“). Die Region um Meursault gilt als heiliger Gral für komplexe, reiche und mineralische Weißweine. Hier entstehen aus Chardonnay nach einhelliger Meinung einige der besten Weißweine der Welt. Hier wird seit Jahrhunderten Weinbau betrieben. Schon in vorchristlicher Zeit war Burgund berühmt für seine Weine. Ab dem 12. Jahrhundert arbeiteten hier Bendektiner- und Zisterziensermönche besondere Lagen (Crus) und Einzellagen (Climats) heraus. Keine andere Region der Welt ist so detailiert in seiner Qualitäts- und vor allem Lageneinstufung wie Burgund. Vereinfacht kann dies so dargestellt werden:

  1. Grand Cru (nur 30 Lagen)
  2. Premier Cru (oder 1er Cru, 622 Lagen)
  3. Village (Ortswein, z.B. „Meursault“ oder „Pommard“)
  4. Bourgogne (rouge oder blanc, also rot oder weiß)
Jakobsmuscheln
Jakobsmuscheln

Als wichtiger Hinweis für alle, die sich ins Burgund eintrinken wollen, sei hier erwähnt, dass es in erster Linie nicht so sehr auf die Lage oder die Qualitätsstufe ankommt, sondern vielmehr auf den Faktor Mensch, den jeweiligen Winzer. Es lohnt sich hier also Weinhändlern zu vertrauen, die sich im Burgund auskennen. In Meursault gibt es keinen als „Grand Cru“ klassifizierten Weinberg, sondern lediglich „Premier Crus“. Bei dem hier getrunken Wein handelt es sich „lediglich“ um einen Ortswein (Village). Dieser Ortswein hatte es jedoch schon in sich:

Kräftiges, goldenes Gelb im Glas. Erste Nase: super tiefgründiger Stoff, aber äußerst fein gewoben. Salz, Kalk, Butter, feine Bourbon-Vanille, leicht nussig, etwas Karamell, Ananas, Zabaione, Zitrus, stechendes Jod, reife Kiwi – was auch immer man alles riechen könnte: der Wein ist komplex, super tiefgründig, einfach ein großartiger Weißwein. Dabei bleibt der Wein trotz seiner Fülle immer elegant. Beim Trinken wird er durch eine äußerst feine Säureader getragen. Die Säure wird mit der Reife weicher werden. Sehr saftiger Stoff mit enormer Spannung im Gaumen und langem Zitrus-Nachhall. Gekonnt vinifiziert: dicht und persistent, dennoch immer grazil. Der Wein hat sicherlich noch 5 Jahre vor sich, in denen er gut trinkbar sein wird, vielleicht noch länger. Für mich schon groß.