Verführerischer Gevrey-Chambertin

Meine eigentliche Liebe gehört dem »Spanna«, wie ein Klon der Nebbiolo-Traube im Nordpiemont (»Alto Piemonte«) auch genannt wird, und dem »Pinot Noir«. Weder einen Nebbiolo, noch einen Pinot Noir habe ich hier seit längerer Zeit vorgestellt. Umso mehr freut es mich, heute mal wieder über einen Pinot aus dem Burgund zu schreiben, und zwar einen »Gevrey-Chambertin«.

Die Lagenbezeichnung in Burgund orientiert sich an den umliegenden Städten, in diesem Fall der Stadt Gevrey-Chambertin, die etwa 14km südlich von Dijon – mitten im Filetstück der »Côte de Nuits« – liegt. Hier werden einige der teuersten und angesehensten Pinot Noirs der Welt gekeltert. Wer sich etwas in Burgund auskennt, weiß, dass hier die meisten Grand-Cru-Lagen zu finden sind (9 verschiedene). Aber auch die Village-Weine aus Gevrey-Chambertin sind bekannt dafür in einer hohen Liga zu spielen. Nicht umsonst spricht man bei einem Gevrey-Chambertin auch vom König der Burgunder. Napoleon Bonaparte (1769-1821) trank ihn vermutlich regelmäßig, auch wenn er sich daraus eine Schorle machte, d.h. ihn mit Wasser verdünnte. Unvorstellbar für einen heutigen Weinliebhaber.

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Bodenbearbeitung mit Pferden auf der Domaine de la Vougeraie. Pferde verdichten den Boden nicht so stark wie Maschinen, was zu einer besseren Drainage führt. © Domaine de la Vougeraie

Der Wein, den ich heute vorstelle, stammt von keiner dieser berühmten Grand-Cru-Lagen, noch ist er ein 1er Cru, sondern „lediglich“ ein Ortswein – ein »Gevrey-Chambertin« (darunter kommt von der Klassifizierung her quasi nur noch der »Bourgogne Rouge«). Aber er verdient es hier erwähnt zu werden.

Er stammt von der »Domaine de la Vougeraie«, die unter diesem Namen im Prinzip eigentlich erst seit 1999 existiert. Dort werden sage und schreibe 42ha, die auf 74 verschiedene Lagen in Burgund verteilt sind, biodynamisch (somit der 3. biodynamische Erzeuger in Folge in diesem Blog) bewirtschaftet, was für das Burgund schon eine enorme Größe ist. Die Tradition reicht jedoch etwas weiter in die Vergangenheit zurück, genauer gesagt auf das Jahr 1964, da die Domaine der Familie Boisset gehört, die 1999 lediglich Lagen aus der Familie zusammenführte, sowie zusätzlich erworbene Lagen von zugekauften Weingütern (Claudine Deschamps, Pierre Ponnelle, Louis Voilland und L’Héritier-Guyot) unter der neuen Domaine zusammenfasste, um eine hochwertige „Super-Domaine“ – quasi aus dem Nichts – zu kreieren.

Der aus dem Burgund stammenden Familie gehören inzwischen weltweit 27 verschiedene Weingüter in Frankreich, Kalifornien, Kanada und England. Sehr beachtlich wenn man bedenkt, dass das Unternehmen erst 1961 ohne ein einziges Weingut gestartet ist. Mit einem Jahresumsatz von ca. 200 Millionen Euro ist das Familienunternehmen nicht unbedingt die kleine alteingesessene Domaine, wie man sie sehr häufig in Burgund antrifft, sondern das genaue Gegenteil. Es ist so gesehen der größte Player im Burgund. Da fällt es kaum noch ins Gewicht zu erwähnen, dass Jean-Claude Boisset (heutiger Geschäftsführer des Unternehmens) mit Gina Gallo, Tochter von Bob Gallo und Urenkelin des Mitgründers der amerikanischen Weinfirma Gallo Family Vineyards – dem weltgrößten Weinproduzenten in Familienbesitz – verheiratet ist.

Für romantisierende und schwärmerische Weintrinker hört sich das alles zusammen ziemlich unromantisch an, der Wein war trotzdem nicht schlecht.

»Gevrey-Chambertin«, Domaine de la Vougeraie, Burgund, 13%, ca. 50€

Auf der Homepage der Domaine wird detailliert angegeben, von welchen Parzellen die Trauben für diesen Village-Wein stammen:

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Die Parzellen und Lagen von denen der Village-Wein der Domaine de la Vougeraie stammt. © Domaine de la Vougeraie

Betrachtet man das Durchschnittsalter der Reben, stellt man fest, dass diese zwischen 1949 und 1980 gepflanzt wurden, also inzwischen 38 bis 69 Jahre alt sind. Sehr alte Reben für einen „einfachen“ Village-Wein, auch wenn auf die Angabe »vieilles vignes« (alte Reben) auf der Flasche verzichtet wurde.

Nur 8904 Flaschen wurden 2015 von diesem Wein erzeugt. Spontan vergoren und 16 Monate in Barriques ausgebaut, davon 30% Neuholz mit mittelkräftiger Toastung, keine Schönung sowie nur eine leichte Filtration vor der Abfüllung. Das Ergebnis ist verführerisch.gevrey-chambertin-2015-domaine-de-la-vougeraie

Farblich ein eher kräftigerer Pinot mit himbeer- und kirschfarbenen Stich. Das erste Reinriechen in den Wein hört sich für den einen oder anderen vielleicht nicht so „verführerisch“ an, war es aber: Erinnernd an reife Kirschen, Cherry Coke und etwas Bazooka Joe, Gewürze. Zart-kräftige Frucht strömt einem in die Nasenflügel.

Das wärmere Jahr 2015 ist dezent spürbar in der Nase. Ganz ganz leicht gekochte Frucht. Der Wein wirkt nicht so typisch burgundisch kühl, wie man es in anderen Jahren vielleicht gewohnt wäre. Am Gaumen samtig und mittelkräftig mit süß-würzigem und finessenreichem Fruchtspiel.

Nach 24 Stunden an der Luft noch würziger in der Nase. Ein tolles Spiel aus Süße und Gewürzen: 5-Spice (Fünf-Gewürze-Pulver), Süßkirsche, auch etwas Zwetchge, metallischer als am ersten Tag, kleine reife zermatschte »framboises« (Himbeeren), wie der Franzose sagen würde und auch etwas Kokos. Sehr spicy, sehr duftig, eine echte Gewürzkiste.

Am Gaumen mit kräftigem Zug. Süßlich wirkend, mit genügend stützender Säure und Saftigkeit. Zupackend und kompakt. Hier feine Vanille, Zimt, Pfeffer, Nelke, Anis, reife Himbeeren und Kirschen. Auch etwas Malz und Lakritz ist wahrnehmbar.

Schon jetzt wunderbar genießbar, wenn auch viel zu jung. Holz und Frucht sind noch nicht in perfekter Harmonie miteinander verwoben, was aber mit der Flaschenreife kommen wird. Dennoch bereits ein sehr offener Burgunder, der schon in seiner Jugend zeigt, warum ich Pinot Noir so liebe und warum Pinots aus dem Burgund zu den schönsten Weinen der Welt gehören.

Leider ist dieser Village 2015 bereits bei vinatis.de vergriffen:

»Domaine de la Vougeraie Gevrey-Chambertin 2015«

Alle Weine der Domaine de la Vougeraie findet ihr hier:

»Domaine de la Vougeraie«

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